24.05.2017 Traunstein/Trostberg

Opfer hatten keine Chance

Drei Menschen starben bei Verkehrsunfall in Chieming: Paketdienstfahrer zu 4500 Euro Geldstrafe verurteilt

Richter Hammer Gericht Justiz
Foto: 123rf.com
Wie jeden Tag fuhr ein Paketdienstfahrer frühmorgens mit einem Firmentransporter auf der Staatsstraße 2095 Seebruck-Traunstein zur Arbeit. Plötzlich bog vor ihm in Chieming-Egerer ein Pkw aus der Poststraße in die Staatsstraße ein. Der 25-Jährige sah „nur noch einen schwarzen Schatten“. Dann krachte es.

Alle Pkw-Insassen, drei junge Slowaken, starben bei dem schrecklichen Unfall. Am Mittwoch verurteilte das Amtsgericht Traunstein mit Richter Christopher Stehberger den 25-Jährigen wegen dreifacher fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 30 Euro, gesamt 4 500 Euro, und einem Fahrverbot von drei Monaten. 

Die Tragödie ereignete sich am 29. Juni 2015 gegen 5.35 Uhr. Es war ein schöner Sommertag, die Fahrbahn trocken, die Sicht gut. Der Angeklagte kannte die Strecke bestens. Kurz nach der späteren Unfallstelle endete damals eine Tempo-70-Zone. Der Angeklagte, inzwischen in Trostberg wohnend, wollte an jenem Tag wie immer pünktlich um 6 Uhr in der Arbeit sein. In dem Tempo-70-Bereich bremste er nach seinen Angaben vorschriftsmäßig herunter. Von den Unfallgeschehen wusste er gestern nach dem „schwarzen Schatten“ nur mehr: „Dann hat es schon gekracht.“

Laut Anklage von Staatsanwältin Christina Geyer war der 25-Jährige mit etwa 110 Stundenkilometern viel zu schnell dran. Der Pkw Opel Astra mit einem 24-Jährigen am Steuer stoppte kurz und fuhr unter Missachtung der Vorfahrt mit etwa 25 Stundenkilometern weiter. Der Angeklagte prallte mit seinem Lieferwagen in die linke Seite des Pkw. Der Opel Astra drehte sich und schleuderte über die Gegenfahrbahn in eine Grünfläche. Der Transporter geriet durch die Kollision ins Schlingern, kippte um, rutschte etwa 30 Meter auf der Seite weiter in die gleiche Wiese. In dem Pkw waren der 24-jährige Fahrer und ein 23-Jähriger auf der hinteren Sitzbank sofort tot.

Den jüngeren Mann musste die Feuerwehr mit dem Rettungsspreizer aus dem Wrack herausholen. Die 36-jährige Beifahrerin kam ins Krankenhaus. Die Ärzte konnten ihr Leben nicht mehr retten. Nach Worten des Sachbearbeiters von der Polizeiinspektion Traunstein hatten die Pkw-Insassen „Null Überlebenschance“. Bei der Obduktion attestierten Rechtsmediziner bei allen neben weiteren schlimmen Verletzungen einen Abriss der Aorta. Für den 24-jährigen Fahrer war zudem ein Abriss der Wirbelsäule absolut tödlich. Gemäß Anklage wäre der Unfall bei Einhalten der 70 Stundenkilometer vermeidbar gewesen. Der 25-Jährige hätte die Kollision mit dem Pkw und damit den Tod der Slowaken durch eine Vollbremsung verhindern können.

Eine Mitarbeiterin eines Supermarkts wurde vom Parkplatz aus Augenzeugin des Unfalls. Sie habe das „sehr langsame Anfahren des Pkw“ gesehen und laut „Nein“ geschrien. Geholfen habe das natürlich nichts. „Manche Bilder haben sich mir eingeprägt. Ich werde sie nicht mehr los“, berichtete die Zeugin gestern unter Tränen. Weitere Zeugen konnten nichts zum Hergang des Crashs sagen, hörten es nur „krachen“ oder stoppten ob der Fahrzeugwracks und der Trümmerteile auf der Straße. Die aus der Slowakei angereiste Mutter des 24-jährigen Fahrers besuchte gestern in der Mittagspause den Unfallort – um des toten Sohns und seiner zwei Arbeitskollegen zu gedenken.

Drei Unfallsachverständige – Michael Heim, Georg Thalhammer und Dr. Alexander Sporrer – hatten Gericht, Verteidiger und Staatsanwaltschaft beauftragt. Die Gutachter gelangten zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Zwei Sachverständige meinten: Bei Tempo 70 des Angeklagten wäre nichts passiert – weil sich der Pkw schon aus dem Gefahrenbereich durch Weiterfahren entfernt hätte. Georg Thalhammer widersprach: „Der Anstoß war nicht vermeidbar. Aber das Verletzungsrisiko wäre wesentlich geringer gewesen.“ Die Gefahrenstelle in Chieming-Egerer wurde übrigens zwischenzeitlich entschärft, die Tempobegrenzungszone deutlich verlängert.

Feuerwehrleute schnitten damals auch den Angeklagten aus seinem Fahrzeug heraus. Schwer verletzt wurde er insgesamt dreimal operiert. Im März 2016 brauchte er eine künstliche Hüfte. Ende 2016 zog er sich wegen unfallbedingter Unsicherheit beim Gehen auf Eisglätte einen Oberschenkelbruch zu. Bis heute benötigt der noch immer arbeitsunfähige Kraftfahrer Krücken. Unsicher ist, wann er wieder arbeiten oder eine Umschulung machen kann.

Die Staatsanwältin betonte im Plädoyer auf zehn Monate Freiheitsstrafe mit dreijähriger Bewährung, 600 Euro Geldbuße und zwei Monaten Fahrverbot, der Angeklagte müsse sich nach der Beweisaufnahme fahrlässige Tötung in drei Fällen vorwerfen lassen. Dem Pkw-Fahrer sei „massives Mitverschulden“ zur Last zu legen. Andererseits seien drei junge Menschen verstorben. Zudem liege ein gröblicher Verkehrsverstoß vor. Die Hauptschuld trage der Angeklagte, fügte Nebenklagevertreter Martin Ondrasik aus Regensburg hinzu. Die Angehörigen der Opfer hätten sich mehr Anteilnahme gewünscht. Verteidiger Dr. Heinz Blachian aus Traunstein hob heraus, die Unfallanalytiker seien zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Ob man darauf eine Verurteilung stützen könne, dagegen habe er Bedenken. Wegen der Unsicherheiten sei sein Mandant freizusprechen. Sollte er verurteilt werden, sei eine Geldstrafe ausreichend. Er habe an allem noch sehr schwer zu tragen, meinte der 25-Jährige im „letzten Wort“. Im Urteil bezog sich Richter Christopher Stehberger auf die „fairen Ausführungen“ der Staatsanwältin. Drei Menschen seien „so tragisch und so unnötig ums Leben gekommen“. Der Strafantrag der Staatsanwältin wäre gerechtfertigt ohne das massive Mitverschulden des Pkw-Fahrers. 

Autor: kd

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