16.05.2017
Artikel drucken Leserbrief schreiben

Gastkommentar der Woche


Was soll ich anziehen?!

Hilfe, ich habe nichts anzuziehen! Aus alten Hollywood-Komödien kennt man diese bittere Klage mondäner Frauen vor überquellendem Schrank- und schmunzelt. Tatsächlich geht´s mir aber auch so. Und meine Freundinnen bestätigen, dass sie das sehr gut kennen. Das ist doch seltsam! Je mehr Klamotten auf der Stange hängen, umso weniger weiß man, was man anziehen soll. Da steht man ratlos vor dem Regal und überlegt, wie die Kombination mal gedacht war. Beim Kaufen haben Rock, Bluse und Jacke so toll ausgeschaut, aber irgendwann sind sie getrennt worden – und jetzt passt gar nichts mehr zusammen.


Dazu kommen die Unwägbarkeiten durch das Wetter: Wenn´s über Nacht wieder kalt wird – und alle Wintersachen schon weggehängt sind. Da beginnt dann eine verzweifelte Suche. Noch schlimmer war der plötzliche Sommereinbruch im April. Wo sind die dünnen Tops, wo die kecken Sommerhosen? Das wäre der richtige Moment, im Kleiderschrank wieder mal rigoros auszumisten.


Warum keine App fürs Anziehen?

Es gibt doch Apps für alles. Für Fluglinien und Verspätungen bei der Bahn. Für Baustellen und Sturmwarnungen, für Blitz und Donner, für Hochwasser, Radlwege und Pizzahunger. Warum hat noch keiner die App für den Kleiderschrank erfunden. Gekaufte Stücke werden kurz eingescannt (lässt sich bestimmt bewerkstelligen über das Preisschild). Und dann fragt man die App: Was soll ich heute anziehen. Die aktuelle Ortstemperatur kennt die App natürlich, auch wie warm es mittags wird – und kann das alles berücksichtigen. Vermutlich kennt sie meine Termine, weil die ja irgendwie im Smartphone notiert sind: Shoppen, Kaffeekränzchen mit einstigen Schulfreundinnen, abends Konzert. Die schlaue App kann sich auch ausrechnen, dass wieder keine Zeit bleibt zum Umziehen zwischendurch.
Da soll sich der Computer mal Gedanken machen und das Passende auswählen. Dafür würde ich vielleicht sogar meine Abneigung gegen Apps ablegen. Und mir doch ein Smartphone zulegen.


Seit diesem Wochenende allerdings sind meine Hoffnungen auf solch schöne Garderoben-Zukunft jäh zerstoben. Wie schrecklich wäre das, wenn ein böser Krypto-Trojaner wie WannaCry nicht nur die Anzeigetafeln der Bahn, englische Kliniken und das russische Innenministerium lahm legen würde, sondern auch unsere Kleider-App. Dann stünden wir wohl noch verzweifelter vorm Schrank.


Der praktische Hocker

Eigentlich wollte ich nur Gemüse kaufen. Aber beim Discounter stand da dieser praktische Klapp-Hocker. Genau der richtige Ersatz für meine alten Plastikhocker auf dem Balkon. Hat keine 15 Euro gekostet. Gekauft, zuhause schnell ausgepackt und aufgestellt. War gar nicht schwer. Einfach die Beine auseinander ziehen, das bewegliche Element in die Führung einrasten – fertig! So macht man das seit der Renaissance, also seit 500 Jahren.


Erst hinterher, ich hatte schon meine Beine auf das neue Möbel gelegt, fand ich die Gebrauchsanweisung. Und war platt, welche technische Großtat ich offenbar ganz ohne Hilfe vollbracht hatte. 20 Seiten hat das Büchlein mit den Anweisungen. Das geht los mit einer Erklärung, worin der Unterschied zwischen „Warnung!“ und „Vorsicht!“ besteht. Ich zitiere mal: „Warnung! bedeutet eine Gefährdung mit einem mittleren Risikograd. Die, wenn sie nicht vermieden wird, den Tod oder eine schwere Verletzung zur Folge haben kann. Vorsicht! bezeichnet eine Gefährdung mit einem niedrigeren Risikograd, die, wenn sie nicht vermieden wird, eine geringfügige oder mäßige Verletzung zur Folge haben kann.“


Jetzt geht´s erst richtig los: Warnung! Dieser Hocker sei nur eine Sitzgelegenheit, und kein Kinderspielzeug, keine Leiter, kein Unterstellbock, kein Turngerät. Vorsicht! Wenn Sie den Aluhocker aufklappen, können Sie sich ihre Finger quetschen.


Keine Chance auf Schmerzensgeld

Es folgt die „Bauanleitung“ in fünf Schritten, wieder in Auszügen zitiert, denn so umständlich könnte ich das gar nicht beschreiben: „Ziehen Sie die Vorder- und Hinterbeine nach oben, so dass sie senkrecht zur Sitzfläche stehen. Greifen Sie in die Querstrebe hinten und ziehen Sie die Beine auseinander. Haken Sie die Hinterbeine in die Haken ein…“.
Dann mein Lieblings-Spruch: „Drehen Sie den Alu-Hocker um, so dass er auf allen vier Fußkappen gleichermaßen aufliegt. Die Sitzfläche ist jetzt nach oben gerichtet. Sie haben den Alu-Hocker erfolgreich aufgeklappt und können ihn jetzt verwenden.“ Danke! Da bleibt auch nicht die kleinste Chance auf einen Prozess um Schmerzensgeld, nicht mal in den USA.

Autor: Cornelia Wohlhüter