12.09.2017 Abensberg

Interview

Der TSV und sein Kapitän schauen nach vorne

Der TSV und sein Kapitän schauen nach vorne
Foto: Oliver Lang
Sven Maresch, ein Sportler, der Abensberg tief in seinem Herzen trägt und mit seiner Mannschaft noch einmal die Spitze erklimmen möchte, stand Rede und Antwort, und gewährte sehr persönliche Einblicke in die Sichtweise eines Weltklasseathleten. Was sich nur unschwer verkennen lässt: die letzten Jahre haben Spuren hinterlassen.

Der Judoka wirkt zufrieden. Mit seinen Entscheidungen, seiner Laufbahn – eigentlich mit seinem gesamten bisherigen Leben. In die Zukunft blickt er optimistisch, wenngleich ihm gerade die Entwicklung seiner großen Leidenschaft, dem Judosport, Sorgen bereitet.

 

Sven, vieles deutet darauf hin, dass diese Saison die letzte deiner professionellen Sportlerlaufbahn sein könnte, was besonders bei den Fans des TSV Abensberg jedoch zu einem gewissen Unwohlsein führt. Kannst du den Babonenstädtern ihre Sorgen nehmen?

"Ich bin nun in meiner achten Saison in Abensberg, und ich muss sagen, ich liebe diesen Verein und das Umfeld. Für mich ist das hier mit Berlin meine sportliche Heimat und ich möchte keinen Tag missen, den ich hier verbracht habe. Wie es nach dieser Saison letztlich weiter geht, steht noch in den Sternen. Es wird Gespräche mit den Verantwortlichen geben, in denen diese Frage entschieden wird."

 

Der Verein hat dich als Kapitän dieser Mannschaft auserkoren. Was bedeutet es für dich, den Rekordmeister als Träger dieses Amtes auf die Matten zu führen?

"Es ist eine Ehre für mich, für diesen Club zu kämpfen, erst Recht als Kapitän. Jedoch will und muss ich dazu sagen: Unsere derzeitige Mannschaft harmoniert derart gut, dass ich dieses Amt als Kapitän gar nicht in seiner klassischen Weise auslebe. Es gibt keinen bei uns, der sich der Gesamtheit überordnet, wir fungieren klasse als Team. Entsprechend sehe ich keinerlei Bedarf, mich als Kapitän davon hervorzuheben."

 

Zu Beginn der Saison hatte der Verein eine bittere Pille zu schlucken. Mit Andre Breitbarth und Dimitri Peters sind gleich zwei Leistungsträger in den schweren Gewichtsklassen nach Hamburg gewechselt. Sie standen im Nationalteam mit beiden Sportlern in Verbindung, können Sie uns hierzu Beweggründe der Athleten nennen? Stand auch für Sie ein vorzeitiges "Lebe wohl" aus Abensberg schon einmal zur Debatte?

"Diese Nachricht war absolut überraschend für uns alle. Es war einfach so schade, ich kann es gar nicht anders beschreiben. Besonders 'Dima' (D.Peters) war eine sehr wichtige Säule für das Team, sportlich, als auch menschlich. Ich kenne bei beiden die Beweggründe nicht, letztlich bleibt es die Entscheidung jedes Einzelnen, die entsprechend akzeptiert werden muss. Wie gesagt, im ersten Moment war ich einfach traurig, wir waren eins. Für mich persönlich jedoch stand ein vorzeitiger Abgang aus Abensberg nie zur Debatte."

 

Nicht nur sportlich hat sich beim TSV das Personalkarussell gedreht, auch in der Vereinsführung veränderte sich so manches. Der jungen Riege, unteranderem in Person Ihres ehemaligen Teamkameraden Fabian Seidlmeier, wurde nun die Verantwortung übergeben. Judofreunde fordern einen derartigen frischen Wind für die ganze Sportart. Dem Deutschen Judo stehen schicksalhafte Jahre bevor, wo sehen Sie die Ursachen dieser Debatte?

"Leider stimmt das. Ich möchte meine Argumentation zweiteilen. Zum einen muss beachtet werden, dass eine Sportart wie Judo immer in Olympiazyklen bewertet wird. Aus dem männlichen Bereich haben wir letztes Jahr sieben Starter auf die Matten geschickt – sieben Mal haben wir nichts gerissen.  Im Judo sollte man eines gelernt haben: zuerst kommt die Einzelkritik. Und die ist entsprechend kritisch ausgefallen, das können Sie mir glauben. Ob wir nun falsch vorbereitet waren oder welche anderen Faktoren uns noch beeinträchtigt haben, ist meist spekulativ und hinterher ist jeder ein Stück schlauer. Als noch wichtiger empfinde ich aber die derzeitigen Bewegungen innerhalb unserer Gesellschaft – über die muss gesprochen werden! Weltweit 'boomt' der Judosport, und in Deutschland? Die Mitgliedszahlen sinken überproportional stark an. Entsprechend gegenläufig verhalten sich die Entwicklungen der anderen Sportler zu denen unserer Nation. Die Leistungsdichte wird immer enger und wir Deutschen müssen uns sputen, dass wir nicht auf der Verliererstraße landen."

 

Nicht weit von der Bundesrepublik entfernt, wird der Judo gelebt wie kaum wo anders, nämlich bei unseren Freunden aus Frankreich. Dort war ein beliebter Politiker verantwortlich, dass dieser Sport eine derartige Popularität entgegenkam. Lassen Sie und dies auf Deutschland übertragen. Würden Sie den Kanzlerkandidaten wählen, der sich für den Judosport einsetzt? Sehen Sie auch auf politischem Wege Möglichkeiten, dem Deutschen Judo zu helfen?

"(Lachend) Sofern die anderen Inhalte passen, könnte ich mir das vorstellen, ja. Ich bin der festen Überzeugung, Deutschland braucht ein Sportministerium. Dies wäre ein erster, wichtiger Schritt in die richtige Richtung."

 

Nun ist es kein Zufall, Sie kurz nach Abensbergs "fünfter Jahreszeit" hier aufzufinden. Konnte man Sie innerhalb der letzten acht Jahre etwa mit dem "Gillamoosfieber" infizieren?

"Ja, das konnte man! Ich finde diesen Jahrmarkt grandios, etwas vergleichbares gibt es bei mir in meinem derzeitigen Lebensraum in Berlin nicht. Ich bewundere es, wie eine so kleine Stadt, derartiges auf die Beine stellen kann."

 

Nachdem Sie sich von den fünftägigen Strapazen erfolgreich erholt haben, geht es wieder in Ihre Heimat zurück. Langweilig wird es Ihnen aber nicht?

"Nein, in den nächsten Wochen wird sich bei mir einiges ändern. Ich beginne ab Oktober ein Studium in Potsdam. Für mich beginnt somit ein völlig neuer Lebensabschnitt, auf den ich mich sehr freue. Die letzten 25 Jahre hieß das Kapitel: Judo. Nun wird ein neues aufgeschlagen, ich hoffe mit vergleichbarem Erfolg. Ich möchte es einfach nochmal wissen, mich bilden, und meinen Horizont erweitern, darauf bin ich gierig, wie ich es in jeder Minute auf der Judomatte auch war." 

Autor: Pressemitetilung

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