05.05.2017 Passau

Imker schlagen Alarm:

Bienensterben im Winter – Desaster für Blütenhonigernte

Bienen
Foto: 123rf.com
Imker wünschen sich mehr Bienentrachtpflanzen in den heimischen Gärten.

Es summt wieder – die fleißigen Bienchen sind unterwegs, auf der Suche nach erster Nahrung. Aber die haben es dieses Jahr nach dem langen Winter nicht leicht, zumal sie in geringerer Zahl den Stock verlassen haben. Denn auch im Landkreis Passau hat der Winter den Bienen mächtig zugesetzt und zu herben Verlusten geführt.


Das Sterben von Bienenvölkern über den Winter, ist für die Imker allerdings nichts Neues, denn das ist normal. Die Natur hat das nun mal vorgesehen – normal heißt rund zehn Prozent. Seit Jahren nimmt diese Zahl aber stetig zu. Stichwort: Bienensterben!


Nach einer Umfrage des Fachzentrums Bienen und Imkerei in Mayen, an der sich gut 9.000 Imker beteiligt haben, dürfte die Verlustrate von Bienenvölkern im Winter 2016/17 je nach Region zwischen 15 und 20 Prozent über der normalen Sterblichkeitsrate von zehn Prozent liegen.


2016: „Zu früh, zu schnell, zu warm“


„Diese Zahlen treffen im Landkreis Passau höchstwahrscheinlich genauso zu“, so Peter Lemke, Kreisvorsitzender der Imker im Landkreis Passau. Doch eine genaue Aussage zu treffen, ist nicht einfach, wie Lemke schildert: „Die Imker haben keine Pflicht an dieser Umfrage teilzunehmen. Die Mehrheit macht das auch nicht gerne, da man die eigenen Verluste ja nicht an die große Glocke hängen will.“


Laut Peter Lemke war das vergangene Jahr sehr ungünstig für die Bienenvölker: „Das Problem lag bei der Witterung. Im Frühjahr 2016 wurde es zu früh zu schnell zu warm. Die Natur ist regelrecht explodiert“. Das hat die Natur und vor allem auch die Bienenvölker aus ihrem gewohnten Rhythmus gebracht. Und: „Im Juni haben wir die Bienenvölker aber selbst gefüttert, weil der Wald nicht gehonigt hat“, erinnert sich Lemke.


Wenig später folgte schon das nächste Extrem, wie der Kreisvorsitzende des Landkreises Passau erklärt: „Im Juli und August kam das drüsige Springkraut, eine rotblühende Pflanze. Sie hat den Bienen sehr viel Nektar gegeben.“


Aus diesem Grund sind die Bienenvölker auch verstärkt in Brut gegangen. Dadurch hat sich wiederum die Varroa-Milbe vermehrt verbreitet, die als Parasit an den Honigbienen lebt. „Das hat dazu geführt, dass die Bienenvölker schon geschwächt in den Winter gegangen sind“, verdeutlicht Lemke.


Hinzu kommt, dass es in den letzten Tagen nochmal extrem kalt wurde. „Dadurch wird die ganze Entwicklung gestoppt. Die Bienen fliegen ja schon aus, erstarren dann aber bei der Kälte. Und sie finden auch nicht genügend Futter. Einzelne Völker werden womöglich verhungern“, so Johann Maier, Kreis- und Bezirksvorsitzender der Imker im Landkreis Rottal-Inn. Eine Folge davon: „Es wird keine große Blütenhonigernte geben. Es ist zwar regional sehr unterschiedlich, aber ich sehe das skeptisch“, sagt Peter Lemke.


Dabei sind Bienen enorm wichtig für unsere Nahrung. Die Biene gilt nach Rind und Schwein als das wichtigste Nutztier in Deutschland. Bienen bringen der Volkswirtschaft einen Reingewinn von vier Milliarden Euro jährlich. 80 bis 90 Prozent der heimischen Blütenpflanzen werden durch die Bienen bestäubt. Die kleinen Nutztierchen haben entscheidenden Anteil daran, dass unsere Lebensmittel überhaupt wachsen können. Vor allem im Obstbau sind Bienen unentbehrlich. Sie tätigen bis zu 90 Prozent der Bestäubung. Durchschnittlich sichert ein Bienenvolk pro Minute ein Kilogramm Obst.


Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft


Über einen eindeutigen Grund für das Bienensterben streiten sich die Experten. Hauptgrund dürfte der übliche Mix sein: die Varroa-Milbe, der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, das schlechte Nahrungsangebot der heutigen Agrarwüsten.


Umso entsetzter sind Umweltschützer, dass die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) kürzlich Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft hat – entgegen der Bewertung durch viele Wissenschaftler, Nichtregierungsorganisationen und Ärzte. „Die Entscheidung der ECHA schafft für die EU-Kommission ein Schlupfloch, um nach der 18-monatigen Übergangsfrist Glyphosat erneut für die nächsten Jahre zuzulassen“, bedauert Rosi Steinberger, verbraucherschutzpolitische Sprecherin der Landtagsgrünen. Der Schutz von Mensch und Umwelt sei wichtiger als die Profitinteressen der Pestizidindustrie, so Steinberger an die Adresse der EU-Kommission.


Artenvielfalt wird durch „Roundup“ bedroht


Die Krebsgefahr sei nicht das einzige Argument gegen das Pflanzengift. Das für fast alle Pflanzen toxische Glyphosat ist Bestandteil von Roundup. Unter diesem Markennamen werde es als Totalherbizid weltweit eingesetzt und bedrohe die Artenvielfalt. „Glyphosat birgt erhebliche Umweltrisiken und schadet der Artenvielfalt auf unseren Äckern und Feldern“, urteilt auch SPD-Bundestagsabgeordnete Rita Hagl-Kehl, stellvertretende Sprecherin der Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft.


Auch die Imkerverbände fordern seit Langem, dass sich die Bundesregierung auf EU-Ebene für ein Verbot von Glyphosat einsetzt. Bienen können durch den Einsatz von Pestiziden ihren Orientierungssinn verlieren und ihre Lern- und Navigationsleistungen verschlechtern sich dramatisch. Zudem bringt der Pestizideinsatz auch eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten mit sich und verkürzt die Lebensdauer der wichtigen Bestäuber.


Den Imkern in und um Passau liegt vor allem Eines am Herzen: „Was wir Imker uns wünschen, sind mehr Bienenpflanzen – Blumen- und Trachtpflanzen – in der Natur aber auch in den heimischen Gärten“, betont der Kreisvorsitzende des Landkreises Passau. In zu vielen Gärten werden den Bienen durch beispielsweise übermäßiges Rasenmähen potenzielle Nahrungsquellen genommen.


Peter Lemke sieht Glyphosat allerdings nicht als Sündenbock für die aktuelle Lage: „Ich lehne Glyphosat ab, aber ich kann nicht sagen, dass es den Bienen gerade deswegen so schlecht geht.“

Autor: Hannes Lehner/Holger Becker/tk

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