08.05.2017 Passau

Kurz-Kritik sowie Theater-Gespräch Vater-Tochter

Madame Bäurin: (r)eine Lena-Christ-Performance oder gelungen-zeitgemäße Inszenierung?

Happy End unterm Kreuz (v.l.): Adelheid Bräu (Schiermoserin), Ines Schmiedt (Rosalie), Julian Niedermeier (Franzl), Joachim Vollrath (Schiermoser), Stefan Sieh.  Foto: Litvai
Foto: Peter Litvai
„Madame Bäurin“-Inszenierung von Wolfgang M. Bauer und Peter Oberdorf für das Landestheater Niederbayern - Kritik zur Uraufführung in Landshut sowie ein Theater-Gespräch Vater-Tochter zur Passau-Premiere - letzte Aufführungen im Stadttheater am 13. und 14. Mai

Die Bühnenfassung des Lena-Christ-Romans „Madame Bäurin“ von Oberspielleiter Wolfgang Maria Bauer und Dramaturg Peter Oberdorf hatte vorvergangenen Samstag Premiere im Stadttheater. Im Folgenden Auszüge aus der Kritik von Wochenblatt-Kollege Thomas Ecker zur Uraufführung in Landshut – ergänzt um ein Theatergespräch Vater-Tochter zur Passau-Premiere (siehe unten):


„Keine Frage, die Produktion hat große Theatermomente, sei es der gelungene musikalische Einstieg oder die sehr geschickte Konzeption einer Simultan-Bühne mit Strohballen und historischen Projektionen. Auch die Idee, dem wieder einmal furiosen Reinhard Peer den überleitenden Erzähler-Part in Gestalt einer Vogelscheuche zu übertragen, war genial (…)

Sie (die Akteure) berühren einfach nicht, weil es – wie schon bei „Ziemlich beste Freunde“ – auch diesmal leider mehr Kunstprodukte denn Menschen sind. Doch Lena Christs Figuren hätten so viel an Tiefgang hergegeben, dass man sie vielschichtiger, sensibler und vor allem glaubwürdiger hätte zeigen können.
So ist es mehr eine Lena Christ-Performance bzw. ein Volkstheater-Happening geworden. (…)

Ich erzähle Ihnen nichts Neues, dass unser Ensemble großartig ist. Insbesondere Ines Schmiedt zeigt in der Titelrolle als um ihre Liebe kämpfende „Madam Bäurin“ eine ihrer allerbesten Leistungen. (…)

Fazit: Eine heftig beklatschte und bejohlte Uraufführung (…) letztendlich aber doch ein Volkstheaterabend mit mehr Schatten als Licht, weil die Regie den Fokus zu sehr auf Extravaganz und Effekt und zu wenig auf eine berührende Charakterisierung der Personen gelegt hat.“

Die ganze Besprechung von Kollege Thomas Ecker lesen Sie im E-Paper HIER.

 

Die letzten Aufführungen in Passau sind zu sehen am 13. Mai, 19.30 Uhr; 14. Mai, 18 Uhr.

Siehe auch www.landestheater-niederbayern.de

 

Theater-Gespräch Vater-Tochter zur Passau-Premiere von "Madame Bäurin":

 

Vater: Wie hältst du es mit dem einen Grundthema der Madame Bäurin: Stadt trifft auf Land, Bürgertum-Standesdünkel auf Bauern-Großsucht. Ist das noch so aktuell wie zur Zeit des Romans von Lena Christ, in den Jahren des Ersten Weltkrieges?

 
Tochter: Ich glaube nicht, dass dieses Thema schon so weit zurück liegt, dass man nichts mehr damit anfangen kann – vor allem in ländlichen Gegenden wie bei uns hier spielt die Herkunft oft noch eine große Rolle, sei es, dass es sich dabei nur um benachbarte Dörfer handelt. Von der Oma kennt man’s ja auch, die Geschichten, dass die Stadt wie eine andere Welt war. Und auch die Thematik, der Gegensatz Stadt-Land ist immer noch präsent.
 
Außerdem geht es in dem Stück ja auch sehr viel um das, was sich die Eltern für ihre Kinder vorstellen – und dabei können sie nicht einsehen, dass dies dem genauen Gegenteil derer Wünsche entspricht; sie sind stur und beharren auf alten Traditionen ... „So war’s schon immer. Ein Bauer hat noch nie ein Stadtmädchen geheiratet bei uns!“ Konnte das Rosal und den Franzl da gut verstehen ...
 
Vater: Stimmt, verbohrte Menschen, die nicht über ihren Schatten springen können, die nicht über ihren eigenen Horizont hinaus sehen und mitfühlen, gibt es heutzutage auch. Nicht zuletzt in der Politik, wo scheinbar immer mehr, statt über Grenzen hinweg zu denken und zu handeln, wieder zurückfällen in eng abgesteckte, nationalistische Denkmuster. Mia san mia, die anderen gehen uns nix an!
 
Vater: Wie bringt man eine Stadt-Land-Komödie, die mit dem Happy End ja ein Wunschtraum-Gegenentwurf zum Leben der Autorin ist, heutzutage auf die Bühne? Als Komödienstadl? In historischem Ambiente der Zeit des Stückes? Als Sozialdrama mit Bezügen zur Jetzt-Zeit taugt es ja nicht so, oder?
 
Bauer und Oberdorf haben meines Erachtens eine interessante wie kurzweilige Dramatisierung des Christ-Romans auf die Bühne gebracht: im Hintergrund Videosequenzen von der Bauernarbeit von damals, im Vordergrund Akteure in zeitloser Kleidung; Kutschen, Züge, selbst die Tiere werden durch Strohballen und Nebelschwaden angedeutet oder durch Schauspieler dargestellt …
Bauer und Oberndorf haben sich einige raffinierte wie effektvolle Theaterkniffe überlegt ... Zu Beginn die Darsteller als moderne Stubenmusi auftreten zu lassen; die Christ-Biografie mit Twist-Einlagen zu konterkarieren; Reinhard Peer als Vogelscheuchen-Erzähler/-Kommentator – übrigens für mich eine der herausragenden Darstellungen des insgesamt sehr gut agierenden Ensembles; die Musiktitel haben mich aber etwas ratlos zurückgelassen: Popsongs auf Englisch und - war da auch was Spanisches dabei?
 
Tochter: Vor allem die Musikeinlagen, zum Teil von den Schauspielern performt, haben mir sehr gut gefallen. Dabei fand ich den Mix aus alten Liedern im Dialekt und auch moderneren Stücken interessant – und meiner Meinung nach gut ausgewählt.
Also Moment, so ganz Fehl am Platz war der englische Song – den ich übrigens kannte und mag, „Ophelia“ von The Lumineers – nicht: es geht darin auch um eine junge Liebe, alles verläuft nicht ganz reibungslos – aber gegen Gefühle kann man nichts machen - „Oh, Ophelia, you’ve been on my mind girl since the flood / Oh, Ophelia, heaven help a fool who falls in love“.
Außerdem hat es meiner Meinung nach ganz wundervoll in die Szene gepasst, man hatte auch ohne jegliches Karusell oder sonstige Requsiten, die es repräsentieren sollten, ein genaues Bild im Kopf, wie Rosalie ausgelassen eine Fahrt genießt.
 
Vater: Was nach altem Volkslied klang, war von Kofelgschroa aus Oberammergau, Vertreter einer „neuen“ Volksmusik: „Die Wäsche trocknet an der Sonne. Die Wäsche trocknet auch am Wind ...“
Ich muss gestehen, ich habe beim Thema Musik instinktiv an „Haindling“ gedacht. Und die haben tatsächlich den Soundtrack zu einer Verfilmung der „Madame Bäurin“ von Franz X. Bogner gemacht. Aber es muss ja nicht immer Haindling sein, ok!
 
Vater: Insgesamt ist die Inszenierung sehr abwechslungsreich, wenn vielleicht ein bisserl überladen: Was der Pfarrer am hochgezogenen Kreuz während der Eheschließung sollte, hat sich mir nicht wirklich eröffnet.
 
Manche Szenen erschienen mir nahezu farcehaft überzogen, sehr extrem in Lächerliche überzeichnet. Als ob man das Thema nicht ernst nehmen könnte, weil heutzutage eigentlich nicht mehr greifbar...
Oder habe ich da was falsch gesehen?
 
Tochter: Auch die Umsetzung mit Reinhard Peer und David Moorbach als durch das Stück leitende Erzähler ist sehr gut gelungen und hat dem ganzen etwas Würze verpasst.
Bei der Twist-Einlage mit den biografischen Informationen zur Autorin und der Kreuzigung bei der Trauung muss ich dir recht geben, das war eine gewöhnungsbedürftige Inszenierung – wobei Letzteres den Vorteil hatte, dass man den Pfarrer, die Kirche, das Kreuz und die Glocke in einem verpackt hatte, spart das Umbauen für eine recht kurze Sequenz.
 
Und Kunst muss ja auch nicht allen gefallen, sondern Eindruck machen.
Am meisten hat mich jedoch die seltsame Einlage des Sprechchores irritiert, in der emotionslos über die Liebe von Rosalie und Franzl sinniert wurde.
 
Tochter: Also, überladen ist es mir eigentlich nicht vorgekommen, das Bühnenbild war schlicht aber passend und ließ sich gut und schnell umgestalten. Die Bäuerin und Franzl haben bei mir ebenfalls einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sowie auch David Moorbach, der als Erzähler und Standuhr auch recht akrobatisch und zudem musikalisch an Gitarre und Bass unterwegs war.
 
Vater: Die Darsteller waren alle sehr gut. Besonders hat mir der Peer gefallen mit seinem übertriebenen Tiroler-„Ch“ und seinem extrovertierten Spiel. Ines Schmiedt gab eine herrlich aufblühende „Stadtflucka“ ab, Vollrath und der Franzl-Darsteller Julian Niedermeier kamen sehr authentisch rüber; und nachhaltig in Erinnerung bleibt die Bräu Adelheid als hantige Schiermoser-Bäuerin, die war schon eine Wucht.
 
Bei den Nebenrollen hat der verschmähte Bräutigam Stefan Sieh auch als Marketenderin einen guten Eindruck hinterlassen; und Lara Joy Körner zeigte beeindruckend zwei Geschichter: als liebestolles Nanndl und als Dorfnarr.
 
 
Das Gespräch führten Sophie (19, Studentin) und Fritz (49, PaWo-Redakteur) Greiler.
 
 
Weitere Informationen zur "Madame Bäurin"-Inszenierung am Landestheater Niederbayern (Passau, Landshut, Straubing) HIER!
Autor: frg