16.03.2017 Regensburg

Referendum

Deutsch-Türken: Viele Missverständnisse und eine AKP, die auch in Regensburg aktiv ist

Der türksiche Präsident Erdogan
Foto: AFP
Busse fahren von den Moscheen in Neutraubling und Regensburg zur Referendums-Wahl, die dem türkischen Präsidenten Erdogan so wichtig ist. Ein Flyer firmiert auch mit AKP-Logo. Was ist da los? Wir begaben uns auf Spurensuche …

Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ist derzeit am Boden. Wahlkampf-Auftritte türkischer Minister wurden untersagt, in Deutschland sind es die Kommunen, die hier nicht aus politischen, sondern aus Gründen des Brandschutzes eingriffen. Doch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan macht dennoch die deutsche Regierung für die Entscheidungen von Kommunen verantwortlich.
Da stellt sich die Frage: Wie ist eigentlich die Situation in Regensburg und im Landkreis? Allein in Regensburg leben 2.000 türkischstämmige Regensburger, im Landkreis sicher ebensoviele. Und eine ganze Menge von ihnen hat die doppelte Staatsangehörigkeit, darf also wählen. Erdogans AKP hat ein Referendum anberaumt, das aus der Türkei ein präsidiales System machen soll. Die Kritik an dem Referendum aus der EU ist groß, AKP-Politiker führen ins Feld, dass beispielsweise die Präsidenten-Amtszeit auf zwei Wahlperioden beschränkt werden soll.

Flyer für eine Busfahrt zu einem der Konsulate, in denen man für oder gegen das Referendum abstimmen kann. Ein Organisator betont, man schreibe niemandem vor, wie er abzustimmen hat.
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Flyer für eine Busfahrt zu einem der Konsulate, in denen man für oder gegen das Referendum abstimmen kann. Ein Organisator betont, man schreibe niemandem vor, wie er abzustimmen hat.


Kurzum: Es gibt auch große Aktivitäten im Raum Regensburg. Beispielsweise diese: Am 2. April 2017 fährt ein Autobus zu den Orten, an denen abgestimmt werden kann.


In Bayern ist dies für türkische Staatsangehörige in den Konsulaten in Nürnberg und München möglich. Heikel ist der Abfahrtsort: Es sind jeweils die Ditib-Moscheen, in Regensburg in der Lindnergasse bzw. Thundorferstraße und in Neutraubling fährt man in der Bayerwaldstraße 4 ab. Überschrieben sind die Flyer mit dem Satz „Haydi Referanduma“, kommt zum Referendum. Ditib wurde in den letzten Wochen vorgeworfen, beispielsweise Anhänger der Gülen-Bewegung an Ankara zu melden. In Regensburg allerdings distanzierte sich der Vorsitzende der Ditib-Moschee im Gespräch mit dem Wochenblatt davon, Politik zu machen. „Ich unterbinde es, wenn bei uns in der Moschee über Politik gesprochen wird“, sagte er noch im August 2016 unserer Zeitung.


„Über uns wohnte eine Nazi-Familie“

Wir haben mit einem der Organisatoren der Busfahrt gesprochen. Wir nennen ihn Ahmed Kilic, uns ist sein Name bekannt, Ahmed Kilic entspricht im Deutschen wohl Hans Meier. Kilic ist 33 Jahre alt, er ist in Deutschland geboren. Er spricht mit einem merkwürdigen Akzent, aber fehlerfrei. Er hat beide Staatsangehörigkeiten. Das Gespräch wird sehr schnell zu einer Beschimpfung des Mediensystems: „Ich könnte kotzen, wenn ich GEZ zahlen muss, um mir dann erklären zu lassen von ARD und ZDF, wie scheiße meine Heimat ist“, sagt er sehr emotionalisiert.


Kilic kann überhaupt nicht verstehen, warum man in Deutschland „innenpolitische Fragen der Türkei diskutiert. Ihr habt selber Probleme! Das Rentensystem ist kaputt, viele Menschen haben kein Geld!“ Aus seiner Sicht wird das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken erst dann besser, wenn die Bundesregierung geht. „Auch im Fall des verhafteten Journalisten in der Türkei hat die Bundesrepublik gelogen!“, behauptet Kilic. Doch warum ist der dann überhaupt in Deutschland? Diese Frage empfindet er merklich als Provokation. „Ich und meine Familie wurden diskriminiert, über uns haben Nazis gewohnt.“ Weil er einen türkischen Namen hat, sei er jahrelang diskriminiert worden. „Ich habe Lagerfacharbeiter gelernt, bekam jahrelang keinen Job, weil ich diesen Namen habe. Meine Frau wird auf der Straße angepöbelt, weil sie Kopftuch trägt!“ Kilic vergleicht die aufgebrachten Türken mit den Russlanddeutschen. „Reden Sie mal mit denen darüber, wie in Deutschland Russland dargestellt wird. Sie haben beide Seiten, weil sie auch russisches Fernsehen anschauen. Denen geht es genauso wie uns!“

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Kilic war bei der Bundeswehr, Deutschland ist ihm wichtig, „mein Sohn ist nun die vierte Generation.“ Doch Kilic wurde bei der Bundeswehr diskriminiert.


Zahlreiche Türken auch in Regensburg sind hin und hergerissen zwischen der AKP und der Debatte in Deutschland. Die „Ureinwohner“ ohne Migrationshintergrund fragen sich, warum viele Türken Erdogan verehren, für ihn stimmen.
Vielleicht war es auch naiv, zu glauben, dass aus türkischen Einwanderern früher oder später Deutsche werden, was immer das ist. Kilic will hier auch für sich eine Grenze ziehen: „Integration ja. Ich zahle hier Steuern und halte mich an die Gesetze. Aber Assimilation: Niemals!“


Es gibt also Gesprächsbedarf. Ditib indes will 2017 auch eine Moschee im Stadtosten bauen. Wir wären gut beraten, den Dialog zu suchen.

Anm. d. Red.: In der Print-Ausgabe haben wir leider ein falsches Bild eines Gebäudes abgedruckt. Das Bild mit der türkischen Fahne, die während eines Wohltätigkeits-Basars ausgehängt wurde, befindet sich am Gebäude des Verbands der Islamischen Kulturzentren. Dieser hat nichts mit der UETD zu tun. Wir entschuldigen uns bei den Mitgliedern des Vereins der Bildung und Integration Regensburg (VIKZ) für die Verwechslung.

Autor: Christian Eckl

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