13.07.2017 Regensburg/Russland

Verwaltungsgericht

Russisches Paar soll abgeschoben werden: ,Ich musste vier Stunden über Sex sprechen'

Igor und Pavel aus St. Petersburg flüchteten vor Putins Anti-Homosexuellen-Politik, wurden in ihrer Heimat erpresst und verfolgt. Seit 2014 leben sie in Regensburg, doch jetzt sollen sie abgeschoben werden. Am Tag, an dem Regensburg den CSD feiert, stellt sich die Frage: Wie solidarisch ist die Community?
Foto: ce
Pavel Tupikov und sein Lebensgefährte kämpfen gegen ihre Abschiebung nach Russland. Das schwule Paar will nicht mehr in Putins Reich, wo sie nach ihren Angaben verfolgt werden. Doch ein Regensburger Richter glaubt ihnen nicht, dass sie zusammen sind.

Was Pavel Tupikov am 26. Juni im Verwaltungsgericht Regensburg erlebte, das macht ihn bis heute total fertig. „Ich musste vier Stunden lang nur über Sex sprechen“, sagt Pavel im Gespräch mit dem Wochenblatt. Der 41-Jährige klagt gegen seinen Abschiebebescheid, den er vom Bundesamt für Migration (BAMF) bekommen hat. Er soll zurück nach Russland, wo er zusammen mit seinem Lebensgefährten Igor Popialkovskii, 32, einst lebte. Doch weil das Paar nach eigenen Angaben von einem Nachbarn und einem Polizisten erpresst wurde, entschieden sie sich für die Flucht – die Situation für Schwule und Lesben wird in Putins Russland immer schwieriger. „Mein Ex-Freund ist erstochen worden“, erzählt Igor. „Alle unsere Freunde dort leben in großer Angst.“


Offenbar sieht das der Richter des Verwaltungsgerichts völlig anders. „Er hat mich gefragt, wann ich mein erstes Mal hatte, mit wem und wie es war. Er wollte alles genau wissen“, sagt Pavel. Dabei gibt es Urteile, dass es nicht erlaubt ist, jemanden peinlich zu befragen, wenn er als Fluchtursache seine sexuelle Orientierung angibt. „Der Richter sagte auch, er glaubt uns nicht, dass wir ein Paar sind.“ Wer die beiden miteinander erlebt, wie liebevoll sie miteinander umgehen, der würde eine solche Frage niemals stellen. Nur vor Gericht spielt das keine Rolle.


Igor und Pavel sind letztlich auch Opfer der politischen Entwicklung. Während Deutschland allein bis 2016 mehr als eine Million Menschen aufgenommen hat, steigt der Druck vor den Wahlen im September, so viele Asylbewerber wie möglich abzuschieben, die nicht aus Kriegsgebieten kommen. Dass die Richter zwischenzeitlich sehr vorsichtig und kritisch sind, ist andererseits auch verständlich – man erinnere sich nur an den Fall des Täters von Arnschwang, der angab, im Knast zum Christentum übergetreten zu sein. Aber kann man solche krassen Fehlurteile im Zusammenhang mit gefährlichen Straftätern auch völlig unbescholtenen Schutzsuchenden wie Igor und Pavel zur Last legen?

Verwaltungsgericht Regensburg
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Dabei ist der Fall von Pavel, der derzeit verhandelt wird, ein Präzedenzfall für die ganze Oberpfalz. Neben Pavel und Igor kennen allein sie noch zwei homosexuelle Russen, die vor der Abschiebung stehen.


„In anderen Bundesländern wird die Verfolgung von Homosexuellen in Russland durchaus als Fluchtursache anerkannt“, erzählen die beiden. Doch in Bayern hat man offenbar wenig Verständnis für die Situation dieser Minderheit in Russland.


Hilfe hat dem Paar nun auch Amnesty International angeboten. Was das Paar derzeit am nötigsten hat, ist allerdings finanzielle Unterstützung, denn sie müssen ihren Rechtsanwalt bezahlen. „Oft müssen wir hungern, weil wir uns nichts zu Essen kaufen können“, sagt Igor. Doch zurück nach Russland? Das ist für die beiden unvorstellbar. „Es gibt Propaganda-Sendungen im russischen Fernsehen, da ist nicht von Europa die Rede, sondern von Gayropa“, sagt Pavel. „Vor kurzem gab es eine Sendung, in der man Homosexuellen ein Ticket in die USA versprach, weil Russland von ihnen ,gereinigt‘ werden solle“, erzählt er.


Igor fängt bald eine Ausbildung an
Das Paar hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie bleiben können. Igor fängt bald eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten an, beide lernen derzeit intensiv Deutsch. Sie haben lange Zeit geputzt, doch der Kaufmann Igor und der Pädagoge Pavel wollen sich eine berufliche Zukunft aufbauen, bei der sie weiter kommen können. Am 25. Juli wird der Prozess im Fall Pavel Tupikov fortgesetzt. Er hofft, dass er nicht wieder demütigende Fragen über sein Sexualleben über sich ergehen lassen muss. „Wie soll ich das beweisen, dass wir ein Paar sind?“, fragt er sich seither. „Sollen wir uns vor Gericht küssen?“ – eine Demütigung für die beiden Männer, die nichts wollen, als in Frieden leben.

Autor: Christian Eckl

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