26.08.2012 Schwandorf

Abgründe vor dem Kadi

Vaterschaftstest? "Ich krieg mein Kind auch allein groß!"


Eigentlich war es ein denkbar banaler Sachverhalt, über den Jugendrichter Johann-Peter Weiß kürzlich am Schwandorfer Amtsgericht urteilen musste - doch dahinter taten sich Abgründe auf.

Ein 18-Jähriger aus dem Städtedreieck war wegen Beleidigung angeklagt. Er hatte im Internet seine frühere Freundin (27) als „Crack Bitch“, „Schlampe“ und „Drogen-Schlampe“ beschimpft, was er auch ohne große Umschweife zugab. Als Strafe muss er nun 40 Arbeitsstunden ableisten.

So weit die Fakten. Beklemmender waren allerdings die persönlichen Umstände des Angeklagten sowie der beiden
Zeuginnen, die bei der knapp einstündigen Verhandlung zutage kamen. Der bisherige Lebenslauf des 18-Jährigen gleicht einer Chronologie des Scheiterns: kein Schulabschluss, keine Lehrstelle, kein gültiger Mietvertrag, lediglich eine Handvoll frühzeitig abgebrochener Praktika und zu allem Überfluss bereits zwei aktenkundig gewordene Fälle von Diebstahl.

Dabei machte er vor Gericht keinesfalls den Eindruck, als würde es ihm an Intelligenz oder passablen Manieren mangeln. „Ich habe ADHS“, nannte er immer wieder als Grund für seine Schwierigkeiten. Ein Gutachten sprach von „jugendlicher Unreife“.

Seine in Franken lebende Ex-Freundin vermittelte ebenfalls eher den Eindruck zerrütteter Verhältnisse. Sie ist momentan in Mutterschutz und kümmert sich um ihren 14 Monate alten Sohn. Wer dessen Vater ist, weiß sie allerdings nicht so genau.

Der 18-Jährige Angeklagte kommt in Frage – doch weil das Kind einem anderen Bekannten der 27-Jährigen so ähnlich sehe, meinte er: „Das steht 100.000-prozentig fest, dass der nicht von mir ist.“

Fast schon kurios: Den Ratschlag von Richter Weiß, diese nicht ganz unwichtige Frage ganz einfach per Vaterschaftstest zu klären, stieß bei beiden auf kein Interesse. „Ich krieg‘ mein Kind auch allein groß“, lautete die trotzige Antwort der Mutter.

Die Entstehungsgeschichte der angezeigten Beleidigung spricht jedoch eine andere Sprache: Immer und immer wieder hatte die junge Mutter ihren Ex-Freund per Telefonanrufe, SMS oder Internet aufgefordert, sich doch um seinen vermeintlichen Sohn zu kümmern. „Die hat mich 50.000-mal angeschrieben, angerufen und einfach genervt“, meinte der Angeklagte.

Da sei ihm, da er ohnehin sehr leicht reizbar sei, eben der Kragen geplatzt. Seine jetzige Freundin, eine 21-jährige Hausfrau, bestätigte: „Die hat uns gestalkt!“ Richter Weiß machte jedoch deutlich, dass Genervt-Sein und ADHS keine Beleidigungen rechtfertigten. Von der Anordnung eines Anti-Aggressionstrainings, das die Staatsanwältin gefordert hatte, sah er dennoch ab.

Der 18-Jährige zeigte sich einsichtig. Künftig soll sowieso alles anders werden: Im nächsten Jahr will er seine Freundin heiraten und in einer größeren Stadt eine Berufsausbildung beginnen.

Autor: ra

Weitere Nachrichten aus dem selben Ort: