18.05.2017, 14:57 Uhr

Freiheitsstrafen für die Täter Urteil im Spielothek-Prozess

Foto: Christa Latta (Foto:Schmid)Foto: Christa Latta (Foto:Schmid)

Zwei Jahre Jugendstrafe und Jugendarrest für den 20-jährigen Täter. Vier Jahre Haft für den 30-Jährigen

NEUÖTTING/TRAUNSTEIN Der gemeinsam geplante bewaffnete Raubüberfall auf eine Spielothek in Neuötting mit einer Beute von 194 Euro brachte den weitgehend geständigen Tätern, 30 und 20 Jahre alt, von der Jugendkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann Freiheitsstrafen wegen schwerer räuberischer Erpressung ein.

Der Jüngere erhielt eine Jugendstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, sowie einen vierwöchigen Jugendarrest, der Ältere vier Jahre Haft nach dem Erwachsenenstrafrecht.

Zwei Frauen, die am 13. Dezember 2015 kurz vor drei Uhr nachts allein in dem Casino waren, blieben körperlich unverletzt, erlitten aber psychische Beeinträchtigungen, die bei einer Zeugin bis heute anhalten.

Zur Tatzeit waren nur mehr ein weiblicher Gast und eine Angestellte in der Spielhalle. Der 20-jährige Neuöttinger erschien gegen 2.38 Uhr in dem Lokal, unterhielt sich mit den Damen, orderte zwei Bier zum Mitnehmen und war nach fünf Minuten wieder weg. Weitere fünf Minuten später tauchte der mit einer weißen Kindermaske getarnte und mit einer schwarzen Pistole bewaffnete 30-Jährige - damals in Neuötting, bei seiner Verhaftung in Dortmund lebend - auf.

Er hielt der am Eingang stehenden 53-jährigen Frau die Waffe an die Schläfe und drückte sie zu Boden. Der Täter forderte „Geld“ und setzte der 37-Jährigen die Waffe wiederum auf, dieses Mal im Genick. Die 37-jährige Angestellte besann sich nicht lange und warf den Bedienungsgeldbeutel auf den Tresen. Der Räuber griff die Beute und verschwand damit. Später wurde sie aufgeteilt.

Während die 53-Jährige das Geschehen nach anfänglichen Ängsten einigermaßen bewältigt hat, ist die 37-Jährige bis heute traumatisiert. Sie dachte angesichts der Maske zunächst an einen Spaß, merkte aber schnell, wie ernst es dem Täter war, als er die andere Frau „auf den Boden schmiss“. Die Waffe erblickte sie bei dem Überfall nicht. Auf von der Kripo sichergestellten Videoaufzeichnungen von Kameras im und vor dem Gebäude war der Waffeneinsatz aber deutlich zu erkennen. Nach dem Vorfall konnte sie nach der Arbeit nicht mehr allein nach Hause gehen, erschrak bei jedem Geräusch, hatte den Monitor unter dem Tresen ständig im Blick, achtete auf jede Bewegung der Gäste, hatte kein Vertrauen mehr zu Menschen.

Mit Hilfe einer zweimonatigen Therapie hat sich alles ein bisschen gebessert. Ihr Mann muss sie jedoch noch immer nachts von der Spielhalle abholen. Den Arbeitsplatz will sie wegen der netten Gäste nicht wechseln, antwortete die Zeugin auf Frage des Vorsitzenden Richters. Die Entschuldigungen der Angeklagten waren der 37-Jährigen „egal“.

Staatsanwalt Christopher Langer beantragte für den 20-Jährigen, zur Tatzeit knapp 18 Jahre alt, unter Bezug auf Birgit Zscheile vom Kreisjugendamt Altötting, eine Jugendstrafe von drei Jahren. Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe hatte bei dem Heranwachsenden auf deutliche Reifeverzögerungen, schädliche Neigungen sowie die Schwere der Schuld erkannt und eine Jugendstrafe ohne Bewährung empfohlen. Der 30-Jährige sollte nach Willen des Staatsanwalts für fünf Jahre hinter Gitter. 

Langer betonte, der Sachverhalt der Anklage sei – bis auf wenige ungeklärte Punkte – erwiesen. Offen sei, wer der Ideengeber war, ob Kleidung gewechselt wurde, ob vor dem Überfall Drogen konsumiert wurden, wie die Beute aufgeteilt wurde, wo der Geldbeutel und die Waffe blieben. Der Überfall sei in Mittäterschaft nach einem gemeinsamen Tatentschluss und Tatplan begangen worden. Eine Spontantat liege nicht vor. Motiv war gemäß Staatsanwalt: „Man wollte schnell Geld, um weitertrinken zu können. Das Verhalten ist an Gefühllosigkeit nicht zu überbieten.“

Die Verteidigerin des Jüngeren, Verena Huber aus Eggenfelden, bezeichnete die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe als „voreingenommen“. Deren Strafvorschlag sei zu hoch. Eine Jugendstrafe von unter zwei Jahren mit Bewährung sei ausreichend – vor allem wegen der großen Aufklärungshilfe ihres Mandanten und seines nicht gleichwertigen Tatbeitrags. Man müsse von einer ungeladenen Waffe ausgehen.

Skeptisch gegenüber in einigen Punkten abweichenden Angaben des 20-Jährigen zeigte sich der Verteidiger des 30-Jährigen, Georg Grosser aus Dortmund. Eine Strafe im unteren Bereich von nicht über drei Jahren genüge. Der Haftbefehl solle außer Vollzug gesetzt werden wegen fehlender Fluchtgefahr. Im „letzten Wort“ entschuldigten sich die Angeklagten „von Herzen“.

Nach Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann wollten sich die Angeklagten in der Nacht Geld für weiteren Alkoholkonsum beschaffen. Der 20-Jährige sei von Beginn an geständig gewesen, der 30-Jährige erst in der Hauptverhandlung. Glück sei, dass die Frauen das Ganze körperlich unverletzt überstanden, wenn auch noch psychische Folgen wie Ängste vorhanden seien.

Der Aufklärungsbeitrag des 20-Jährigen sei nicht hoch genug einzustufen. Das Gewicht der Tat bleibe aber gravierend. Der Jugendarrest solle auf den jungen Mann erzieherisch einwirken. Wichtig sei für ihn, eine geregelte Arbeit aufzunehmen. Deshalb müsse er am Projekt „Fördern und fordern“ der Arbeitsagentur teilnehmen. „Durch Integration in den Arbeitsprozess soll er auf den richtigen Weg kommen“, hob der Vorsitzende Richter heraus.

Pädagogische Maßnahmen gebe es für den 30-Jährigen als Erwachsenen nicht, fuhr Dr. Klaus Weidmann fort. Strafschärfend sei unter anderem der Einsatz der Waffe als Druck- und Drohmittel. Zu berücksichtigen sei auch der Aspekt der Generalprävention. Den Haftbefehl hielt die Kammer aufrecht.


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