18.01.2017, 20:52 Uhr

Brandkatastrophe: Staatsanwalt klagt Alt-Bürgermeister an

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Das Gericht muss noch entscheiden, ob dem Elektromeister und Ex-Bürgermeister Klaus Bauregger der Prozess gemacht wird ...

SCHNEIZLREUTH Sechs Gäste erstickten im Brandinferno von Schneizlreuth, als der historische „Pfarrbauernhof“ in der Nacht zum 23. Mai 2015 in Flammen aufging. Vor fast einem Jahr verurteilte das Landgericht Traunstein den in zwischen 48-jährigen Geschäftsführer einer Event-Agentur zu drei Jahren Haft wegen sechsfacher fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung in 18 Fällen – begangen durch Missachtung von Bau- und Brandschutzvorschriften. Weitere Informationen auch unter "Kommt der Ex-Bürgermeister auf die Anklagebank", die aktuelle Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Traunstein lesen Sie hier: "Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen ehemaligen Schneizlreuther Bürgermeister."

In dem Prozess wurde auch immer wieder eine Mitverantwortung der Behörden thematisiert. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Traunstein, wie das Landgericht Traunstein auf Anfrage unserer Zeitung bestätigte, gegen Klaus Bauregger, den 69-Jährigen Ex-Bürgermeister von Schneizlreuth, Anklage wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung in gleich vielen Fällen sowie wegen vorsätzlicher Falschaussage erhoben. Der Grund: Bauregger soll im Zeugenstand gelogen haben.

Der verurteilte Geschäftsführer hatte in dem 800 Jahre alten Anwesen jahrelang ohne Genehmigung Gäste übernachten lassen, darunter zahlreiche Schulklassen aus der Region. Vor der Zweiten Strafkammer räumte er seine Schuld ein und berief sich gleichzeitig darauf, keine der Behörden, ob Landratsamt oder Gemeinde, habe dagegen etwas unternommen. So sei ein seit 2008 überfälliger Bauantrag des Angeklagten nicht einmal angemahnt worden. Das eingeleitete Bußgeldverfahren sei im Sande verlaufen.

Elektromeister und Ex-Bürgermeister Klaus Bauregger war in der Renovierungszeit des Baudenkmals 1994/1995 für die Elektroinstallation zuständig, beauftragt vom Eigentümer, einem Ex-Baudirektor. Unter anderem sorgte die Firma des Gemeindeoberhaupts für die Beleuchtung im Dachgeschoß.

Dort hatte der Angeklagte später ein Matratzenlager für Teilnehmer seiner Outdoor-Kurse eingerichtet. Die meisten der verstorbenen und verletzten Opfer – alles Mitarbeiter der Firma Lindner aus Arnstorf im Landkreis Rottal-Inn, die ihr 50-jähriges Bestehen mit einem Event-Wochenende feierte - hatten in der Brandnacht dort oben geschlafen. Nach dem Brand der einzigen Treppe ins Dachgeschoß wurden ihnen fehlende Fluchtwege zum Verhängnis.

Als Bürgermeister habe er von dem fehlenden Bauantrag nichts gewusst.

Der 69-Jährige, der vom 1. Mai 1996 bis 30. April 2014 an der Spitze der Gemeinde stand, beteuerte vor der Zweiten Strafkammer, nach 1995 nicht mehr in dem Gebäude gewesen zu sein. Als Bürgermeister habe er von dem fehlenden Bauantrag nichts gewusst.

Wörtlich sagte er am 26. Januar 2016: „Ich ging davon dass, dass der Eigentümer als Baudirektor die Bestimmungen kannte.“ Dass in dem Bauernhof Leute übernachteten, sei allgemein bekannt gewesen. Er sei von acht Betten ausgegangen, habe es doch im Wohnhaus im ersten Stock vier Zimmer gegeben. Dass im „Pfarrbauernhof“ wesentlich mehr, bis zu etwa 1.300 Gäste jährlich, übernachteten – das habe er nicht gewusst, behauptete der Ex-Bürgermeister.

Wörtlich sagte er: „Im Amt habe ich mir die Übernachtungszahlen nicht angeschaut, erst am Ende der Amtsperiode aus privatem Interesse.“ Für zu wenig Parkplätze für Kirchgänger durch von Outdoor-Gästen blockierte Parkplätze fand er die Erklärung: „Ich wohne in Weißbach und war an Wochenenden nicht in Schneizlreuth.“

Vorsitzender Richter Erich Fuchs hielt dem damaligen Zeugen ein Schreiben des Landratsamts von 2008 vor, wonach über die Gemeinde ein Bauplan für das gesamte Objekt einschließlich Brandschutzkonzept einzureichen sei. „Das war eine klare Aufforderung an den Angeklagten. Die Gemeinde kannte das Schreiben“, so Fuchs. Der Alt-Bürgermeister entgegnete, „im Alltagsgeschäft“ habe er das Schreiben vielleicht übersehen.

Obwohl seit 1999 eine Feuerbeschauverordnung zwingend galt, erfolgte in Baureggers Amtszeit nichts dergleichen. Die großen Werbeschilder und die Flyer der Event-Agentur habe er schon gesehen, sagte der Alt-Bürgermeister vor einem Jahr im Zeugenstand. Er habe angenommen, die Übernachtungen verteilten sich auf andere Vermieter. Von mehrfachen Dreharbeiten von TV-Sendern über den Outdoor-Betrieb wollte er ebenfalls nichts bemerkt haben.

„Lügen Sie das Gericht doch nicht an.“

Beisitzender Richter Dr. Johannes Kammergruber sprach den Zeugen auf junge Gäste an: „Kriegt man nicht mit, wenn ganze Schulklassen im Wohnhaus übernachten?“ Als der Zeuge verneinte, herrschte ihn Dr. Kammergruber an: „Lügen Sie das Gericht doch nicht an.“ Untätigkeit, Schlamperei, Versäumnisse der Kommune und auch eine gewisse Kungelei – dieser Eindruck verfestigte sich in dem Prozess der Zweiten Strafkammer gegen den Geschäftsführer. Dafür sprach zum Beispiel ein interner Aktenvermerk einer Gemeindemitarbeiterin aus dem Jahr 2007, in dem es hieß, dass der 48-Jährige „offiziell keine Gäste beherbergen darf“.

Das Gericht sah darin einen „eindeutigen Hinweis, dass man Kenntnis hat und das Ganze duldet“. Das bestätigte der Angeklagte: „Die Art und Weise der Unterbringung war mit der Gemeinde abgesprochen und geduldet.“

Ob es zu einem Prozess vor dem Landgericht Traunstein gegen den Alt-Bürgermeister kommt – darüber muss jetzt die zuständige Kammer befinden. Sie entscheidet, ob sie die Anklage der Staatsanwaltschaft zur Hauptverhandlung zulässt.

Der Prozess, bei dem der 48-Jährige dann Zeuge wäre, könnte wohl frühestens im Sommer stattfinden.

Wie geht es dem verurteilten Geschäftsführer?

Der Geschäftsführer hat inzwischen einschließlich Untersuchungshaft rund 20 Monate Strafe verbüßt. Die Entlassung zur Bewährung nach der Halbstrafe wurde ihm mit Blick auf die Schwere der Taten verweigert. Der 48-Jährige arbeitet im Rahmen des offenen Vollzugs in einer Firma in der Region. Er kann frühestens nach Verbüßung von zwei Dritteln der dreijährigen Strafe auf Bewährung für den Rest hoffen.

Das Insolvenzverfahren seiner Outdoor-Firma läuft. Die Versicherung hat den Opfern der Brandkatastrophe beziehungsweise den Hinterbliebenen bereits umfangreichen Schadensersatz für Schmerzensgeld und Behandlungskosten geleistet. Der Eigentümer des „Pfarrbauernhofs“ hat das Gebäude übrigens zwischenzeitlich der Gemeinde zum Kauf offeriert. 


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