16.02.2017, 16:08 Uhr

Zwei Angeklagte vor dem Landgericht Traunstein Juwelenräuberprozess: Zeuge sah direkt in die Mündung der Waffe

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Tag drei des spektakulären Prozesses im Landgericht Traunstein.

TRAUNSTEIN/MÜHLDORF/REGENSBURG Insgesamt zehn Verletzte gab es bei zwei Blitzüberfällen – sie dauerten jeweils nur eine Minute - auf Juweliere am 20. Januar 2015 im westfälischen Bad Oeynhausen und am 5. März 2015 in Mühldorf. Gestohlen wurden fast 150 Nobeluhren im Wert von über 500 000 Euro. Vor der Ersten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann schilderten am Donnerstag zwei Opfer aus Bayern ihre traumatischen Erlebnisse. Die nächsten Prozesstermine mit weiteren Zeugen sind 21. Februar, 6., 20. und 31. März.

Auf der Anklagebank sitzen nicht die Räuber selbst, sondern mit zwei 33 und 29 Jahre alten Tschetschenen zwei mutmaßliche Hintermänner, die die Vorwürfe von Staatsanwalt Dr. Martin Freudling leugnen. Die eigentlichen Täter, 34 und 22 Jahre alte Litauer, waren in ihrem ersten Prozess vor einem Jahr geständig und haben aufgrund einer BGH-Entscheidung am 23. Februar nochmals eine Hauptverhandlung zur Strafhöhe vor sich. Alle vier Männer sollen einer europaweit agierenden litauischen Bande mit etwa 100 Mitgliedern angehören, die es auf teure Uhren abgesehen hat. Die Beute wird gemäß den Ermittlungen nach Russland verschoben.

Vor knapp zwei Jahren war eine 60-jährige Verkaufsleiterin nachmittags beim Umdekorieren der Vitrinen in dem Juweliergeschäft in Mühldorf am Katharinenplatz. Sie stand mit dem Rücken zur Eingangstür, als sie „einen unheimlichen Lärm“ vernahm – Schreie, Klirren und den Schuss eines Vermummten. Ein zweiter Mann steckte Dutzende Uhren in eine Tasche. Die Zeugin mit Nebenklagevertreter Jörg Zürner aus Mühldorf an ihrer Seite berichtete gestern: „Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Einer zielte mit der Waffe auf mich und rief etwas, was ich nicht verstand.“ Vielleicht sei ein nachträglicher Trost, dass die Waffe nicht scharf, sondern ein Schreckschussrevolver war, merkte der Vorsitzende Richter an.

Dazu die Zeugin: „Ich hatte noch nie eine Waffe gesehen.“ Gegen 20 Uhr fuhr die Angestellte nach Hause. Eine Stunde später wurde ihr schlecht. Im Bad brach sie zusammen und lag stundenlang hilflos in der Wohnung. Die Bilder des brutalen Überfalls verfolgten sie lange Zeit, sie konnte nur zeitweise arbeiten. Wie es ihr heute gehe, wollte das Gericht wissen. „Wenn zwei bis drei Kunden im Laden sind, bekomme ich Angstgefühle, ebenso, wenn in einem Geschäft jemand nahe hinter mir ist. Das empfinde ich als Bedrohung“, so die Zeugin. Für die 60-Jährige hat Zürner ein Schmerzensgeld von 3 000 Euro beantragt.

Der 65-jährige Juwelier telefonierte hinten im Büro, als er Lärm aus dem Verkaufsbereich hörte. Einem Schuss folgte ein „Geräusch wie ein Wasserfall“. Der Chef ging nach vorne und sah in einer Ecke drei verängstigte Mitarbeiter kauern. Im Verkaufsraum schlug jemand „wie ein Berserker“ mit einer Axt auf die Vitrinen ein. Das fallende Glas hatte das „Wasserfall-Geräusch“ verursacht. Der 65-Jährige bekam Sprechprobleme – durch das von den Tätern versprühte Reizgas, wie sich später herausstellte.

Den Beuteschaden bezifferte der Juwelier gestern mit 340 000 Euro. Hinzu komme der erhebliche Sachschaden. Schlimm für ihn persönlich sei: „Das Grundvertrauen ist gestört, dass man in einer bayerischen Kleinstadt alles offen präsentieren kann. Ich bin misstrauischer geworden. Bestimmte Situationen oder Personen, die etwas Dunkles oder Ausländisches an sich haben, lösen Furcht und Angst aus. Wenn man abends aus dem Geschäft raus geht, ist das Sicherheitsgefühl, das man Jahrzehnte lang hatte, weg.“

Bis heute psychisch beeinträchtigt ist auch ein 52-jähriger Angestellter, der zufällig nahe des Juweliergeschäfts parkte. Er hörte Lärm, stieg aus und hieß seine Frau, im Wagen sitzen zu bleiben. Vor dem Laden sah er einen Mann mit hochgezogenem Pullover stehen: „Da wurde mir klar, dass das ein Überfall war.“ Er sagte zu ihm: „Schleich dich, du Arschloch.“

Als der Zeuge auf den Mann zu rannte, zog dieser einen Gegenstand aus der Tasche. Der 52-Jährige dachte an eine Waffe, wich zurück, wählte den Notruf, kam aber nicht durch. Währenddessen stürmten zwei weitere Räuber aus dem Geschäft, der draußen Wartende versprühte Reizgas.

Die Täter flüchteten zu dritt nebeneinander über die Straße, der Zeuge verfolgte sie. Da drehte sich der mittlere Mann um und schoss aus zehn Meter Entfernung direkt auf ihn. Mit einem Sprung rettete sich der 52-Jährige hinter einen Pfosten. Ein zweiter Schuss in seine Richtung folgte. Das Trio lief zu einem Parkplatz. Kurz danach kam das Fluchtfahrzeug mit quietschenden Reifen um die Ecke. Der 52-Jährige erlitt Verletzungen und Schmerzen - an den Augen und an einem Bein. Die Beschwerden besserten sich binnen einer Woche, die Schlafstörungen blieben. Noch immer kann der 52-Jährige keine Filme anschauen, in denen die Mündung einer Waffe oder Vermummte zu sehen sind, er reagiert auf Geräusche, „die wie ein Schuss klingen“.

Unter den heutigen Zeugen war ein Polizeibeamter aus Regensburg. Ihm und seinem Kollegen verdanken die vier Angeklagten aus beiden Prozessen letztlich die Festnahme. Der Zivilstreife war in der Stadt ein Pkw aufgefallen. Die schnelle Halterfeststellung zeigte: Der Wagen war in München gestohlen. Die Beamten fuhren hinterher und stellten das Fahrzeug in einer Sackgasse. Es war kurz geschlossen worden. Die Insassen, darunter zwei der tatsächlichen Räuber von Mühldorf und Bad Oeynhausen, wanderten in Untersuchungshaft.


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