21.02.2017, 13:22 Uhr

Krimineller Besuch Obdachloser Rumäne wegen Diebstahlserie vor Gericht: 18 Monate Haft ohne Bewährung

Foto: Axel EffnerFoto: Axel Effner

Eine offene Terrassentür, nicht geschlossene Fenster, unversperrte Gebäude – solche Gelegenheiten im Raum Traunstein,Bergen und Vachendorf nutzte ein 26-jähriger obdachloser Rumäne schamlos.

TRAUNSTEIN Wegen sieben gewerbsmäßigen Diebstählen im Raum Traunstein sowie in Augsburg und Speyer, wegen Einbruchsdiebstahls und mehrfachen Hausfriedensbruchs verhängte das Schöffengericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Wolfgang Ott gestern eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren – ausdrücklich ohne Bewährung.

Der Angeklagte kam für die Tatzeiträume angeblich auf Arbeitssuche nach Deutschland. In Augsburg klaute er einem Zimmergenossen im Dezember 2015 in einer Pension ein i-Pad für 250 Euro. Auf einer Baustelle in der Innenstadt hatte er es - laut Anklage zusammen mit anderen Tätern - auf Baustellengeräte im Gesamtwert von 8 000 Euro abgesehen, darunter zwei Akkuschrauber, eine Bohrmaschine, schwere Brechmaschinen, ein Schleifgerät, Handwerkzeuge, Isoliermaterial und Kabel.

Der 48-jährige Bauunternehmer hatte damals Termindruck und brauchte Mitarbeiter, wie er schilderte. Deshalb stellte er den ihm von anderen Rumänen empfohlenen 26-Jährigen ein. Dr war zwei Tage „sehr fleißig“, so der Zeuge. Der Angeklagte habe kein Geld gehabt. Deshalb habe er ihm 100 Euro Übernachtungsgeld gegeben. Der Neue schlief aber in der Nacht zum 22. Dezember 2015 nicht in der Herberge, sondern blieb auf der Baustelle. Als der Chef tags darauf aus München zurückkehrte, fand er eine „saubere Baustelle“ vor: „Alles war weg.“ Sechs Mann konnten zwei Tage lang nicht weiterarbeiten.

Nach Überzeugung des 48-Jährigen musste das Werkzeug mit einem Fahrzeug weggeschafft worden sein. Der 26-Jährige behauptete gestern, er habe einige Straßen weiter zwei Mülltonnen gefunden, das Diebesgut darin verstaut, die Müllgefäße durch die Nacht gezogen. Er habe sie an einem bestimmten Platz abgestellt. Als er später dort hingegangen sei, sei alles spurlos verschwunden gewesen. Was damit geschehen sei, wisse er nicht. Die Entschuldigung des Angeklagten akzeptierte der Bauunternehmer nicht: „Man gibt ihm Geld, damit er schlafen kann – und dann sowas.“ In einem Drogeriemarkt in Speyer entwendete der 26-Jährige Mitte Januar 2016 sechs Parfums für insgesamt 628,93 Euro.

Folgt man der Version des Angeklagten, weilte er sieben Monate lang in Rumänien, ehe er übers Internet einen freien Job auf einer Baustelle in Traunstein mit einem Monatslohn von 1 200 Euro fand. Er reiste in die Bundesrepublik. Unter der genannten Telefonnummer meldete sich niemand, erzählte der 26-Jährige gestern. Um an Geld zu gelangen, habe er die neuen Taten begangen. Die Diebesserie eröffnete er am 29. August 2016 in Traunstein. Er drang in ein Privathaus über die offene Terrassentür ein und rief, ob jemand daheim sei. Als niemand antwortete, steckte er ein Smartphone im Wert von 50 Euro und 70 Euro Bargeld ein.

Nächstes Ziel war kurz darauf ein Haus in Bernhaupten. Er entdeckte ein offenes Fenster. Auf sein Klingeln kam keine Reaktion. Da stieg der 26-Jährige über das Fenster ein. Er entdeckte den Goldschmuck der Hausfrau, Bargeld und ein Handy im Gesamtwert von 600 Euro. Die Dame, die mit ihrem Mann nur zwei Stunden außer Haus gewesen war, wird die Preziosen zurückerhalten. Das sicherte ihr Richter Wolfgang Ott zu. Den Diebstahl hat sie inzwischen einigermaßen verdaut: „Es ist sehr unangenehm, dass jemand mit fremden Fingern in meinem Schlafzimmer, an meinen Schubladen war.“

Auch den Kindergarten der Kirchenstiftung St. Oswald in Traunstein suchte der Rumäne heim. Hinterher wurden Schreibutensilien und eine Digitalkamera im Wert von 200 Euro vermisst. In Vachendorf verschaffte er sich Zugang zu einer Wäscherei und nahm Kleidung im Wert von 150 Euro mit. In einem Durchgang zwischen einem Wohnhaus und einer Garage in Bernhaupten stieß der 26-Jährige am Nachmittag des 30. August 2016 auf ein Fahrrad. Aus der Radtasche klaute er eine Brille samt Zubehör für 15 Euro. Zwei Stunden später überraschte ihn ein junger Mann in seiner Einliegerwohnung in Bergen. Der Dieb war dabei, eine Geldkassette mit einem Schraubenzieher aufzubrechen. Die Polizei wurde eingeschaltet. Den Schmuck aus der Tat in Bernhaupten trug der Dieb im Rucksack bei sich. Ab dem 30. August 2016 saß der 26-Jährige in Untersuchungshaft.

Staatsanwältin Alexandra Karch unterstrich, der Angeklagte sei nach Deutschland eingereist, um sich durch Straftaten am Leben zu halten. Die Serie in Traunstein sei „Schlag auf Schlag erfolgt“. Der Angeklagte hätte weitergemacht, wenn er nicht inhaftiert worden wäre. Die Staatsanwältin forderte für die „besonders dreisten Taten“ drei Jahre Freiheitsstrafe. Der Verteidiger, Julian Praun aus Chieming, plädierte unter Berufung auf eine günstige Sozialprognose auf eine Strafe von 18 Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Der 26-Jährige wolle zurück nach Rumänien und werde sich die Verurteilung zur Warnung dienen lassen. Sein Mandant beteuerte im „letzten Wort“ seine Reue.

Im Urteil – von 54 jungen Leuten aus zwei Schulklassen der FOS Traunstein mit Lehrerin Petra Spörl aufmerksam verfolgt – hob der Richter heraus, bei dem Diebstahl in der Baustelle in Augsburg sei die Version mit den Mülltonnen nicht zu widerlegen. Dass der Angeklagte in Deutschland arbeiten wollte, habe das Gericht nicht geglaubt. Eigens für Straftaten eingereiste Täter dürften aus generalpräventiven Gründen nicht mit Bewährung davon kommen.


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