14.03.2017, 16:11 Uhr

47-Jähriger vor dem Schwurgericht Traunstein Rosenkrieg mit der Ex-Freundin: Lokführer wegen versuchten Mordes angeklagt

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Bis zur Bewusstlosigkeit soll der 47-Jährige seine Ex-Lebensgefährtin gewürgt haben. Die Anklage lautet auf versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung, Nötigung und andere Delikte.

TRAUNSTEIN Erinnerungslücken zum Kerngeschehen mit Würgen der 46-jährigen Ex-Lebensgefährtin bis zur Bewusstlosigkeit und Misshandlung einer Nachbarin am 22. Juli 2016 in einer Wohnung in Berchtesgaden machte am Dienstag ein 47-jähriger Lokführer aus Schönau am Königssee vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs geltend. Die Anklage lautet auf versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung, Nötigung und andere Delikte. Der 47-Jährige sprach von einem „Tunnel“: „Ich war wie weg.“ Zum Motiv meinte er: „Ich weiß es nicht. Ich wollte sie nicht umbringen.“ Der Prozess wird am 27. und 28. März, jeweils um 9 Uhr, fortgesetzt.

Der Lokführer und die Arbeitskollegin kannten sich seit 2014. Im Dezember 2015 funkte es bei der Weihnachtsfeier. Das Paar bezog im Januar 2016 gemeinsam eine Wohnung. In der ersten Märzhälfte 2016 merkte die Frau, dass die Beziehung nicht funktionierte - weil er sie ständig kontrollierte, in ihrer Freiheit einschränkte, eifersüchtig und misstrauisch war. „Ich konnte nicht mehr atmen“, meinte die 46-Jährige gestern. Hinzu kamen für den 47-Jährigen damals Konflikte am Arbeitsplatz zwischen ihm, mehreren Kollegen und der „Ex“. Es gab viel Getratsche, aber nach Worten der 46-Jährigen auch Stalking gegenüber verschiedenen Personen. Der Lokführer erhielt am Morgen des 22. Juli 2016 wegen Ausplauderns von Betriebsinterna eine Abmahnung. Den Ausschlag für die weitere Entwicklung gab womöglich ein Telefonat tagsüber zwischen dem einstigen Paar, das die Frau angeblich aufgezeichnet hatte. Tatsächlich habe sie nichts dergleichen gemacht, beteuerte sie gestern im Zeugenstand.

Gegen 15.45 Uhr tauchte der Lokführer in Berchtesgaden auf, trat die Wohnungstür der 46-Jährigen ein und ging laut Anklage sofort zum Angriff über mit den Worten: „Jetzt ist es soweit, ich bring dich um.“ Der 47-Jährige drückte das Opfer zu Boden, riss es an den Haaren wieder hoch. Dabei verlor die Frau büschelweise Haare. Während sie an der Heizung kauerte, zertrümmerte der Wütende Möbel und Handy. Durch die Terrassentür konnte die 46-Jährige in den Garten fliehen. Er setzte hinterher, bekam sie zu fassen und würgte sie gemäß Anklage mindestens 40 Sekunden lang – bis ihr die Sinne schwanden.

Eine 35-jährige Nachbarin sah vom dritten Stock aus, in welch gefährlicher Situation sich die 46-Jährige befand und eilte runter in den Garten. Sie schrie, er solle aufhören, gab dem Angeklagten einen Stoß und riss ihn von dem Opfer herunter. Der 47-Jährige rief der Helferin zu: „Wenn ich du wäre, würde ich lieber gehen.“ Durch einen heftigen Stoß des Mannes überschlug sich die Helferin und blieb an einer Hecke liegen. Der Lokführer – er beherrscht mehrere Kampfsportarten und war in der Schulzeit mehrmals bayerischer Meister in einer Fünfkampf-Disziplin mit unter anderem Judo und Jiu Jitsu – riss die 46-Jährige wieder an den Haaren, schleuderte dabei ihren Körper herum „wie eine Barbie-Puppe“ und würgte sie erneut. Der 35-Jährigen, die sich wieder aufgerappelt hatte, gelang es, den 47-Jährigen von der 46-Jährigen weg zu ziehen und das Opfer zu einer Gartenbank zu schleifen. Der Angreifer wollte folgen, hielt aber inne, als andere Zeuginnen vom Balkon herunterriefen, Polizei und Krankenwagen seien unterwegs. Der Täter flüchtete und stellte sich später der Polizei in Berchtesgaden. Dort sagte er laut einem Beamten den Satz: „Ich wollte sie umbringen.“

Die ärztliche Untersuchung der 46-Jährigen zeigte für Würgen typische Verletzungen, dazu Schluckbeschwerden, Blutergüsse und Hautabschürfungen am ganzen Körper. Staatsanwalt Björn Pfeifer geht in dem Prozess von konkreter Lebensgefahr aus. Die Geschädigte empfand damals nach Eintreten der Wohnungstür „Todesangst“ und flehte den Ex-Gefährten an, sie gehen zu lassen - wegen ihres Kindes. Die Antwort lautete: „Ich lass mich nicht verarschen. Ich bring das jetzt zu Ende.“ Ihre Erinnerungen endeten mit dem Würgen. Wach wurde sie erst wieder, als sich die Nachbarin über sie beugte.

Bis heute leidet die 46-Jährige unter Ängsten, Flashbacks, Schluckproblemen und Schlafstörungen. Ärzte attestierten eine posttraumatische Belastungsstörung. Deshalb befindet sich die Nebenklägerin noch immer in psychologischer Behandlung. Ihr Anwalt, Hans-Jörg Schwarzer aus Berchtesgaden, fordert per Adhäsionsantrag in dem Prozess ein Schmerzensgeld von 15 000 Euro. Der Verteidiger signalisierte Vergleichsbereitschaft.

Der Verteidiger, Sebastian Gaßmann aus Passau, präsentierte gestern namens seines Mandanten eine Erklärung zur Vorgeschichte. Der 47-Jährige sei durch die Trennung „in ein tiefes Loch gefallen“. Wegen der Abmahnung und des aufgezeichneten Telefonats habe er Angst um seinen Arbeitsplatz gehabt. Der Anwalt betonte, der Angeklagte erinnere sich nicht mehr an das zweimalige Würgen, das Wegschubsen der Nachbarin und bereue alles. Die Ex-Freundin habe „diese Behandlung nicht verdient“. Für die Tat gebe es „keine Entschuldigung“.

Vorsitzender Richter Erich Fuchs interpretierte die Beweggründe des Angeklagten eher als „Rosenkrieg“: „Sie fühlten sich in ihrer Männlichkeit beschädigt, Sie fühlten sich um Ihr Geld betrogen. Sie wollten sich an der Frau rächen, weil sie Sie in ihren Augen bloß gestellt hat.“ Das wies der 47-Jährige zurück.


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