13.04.2017, 09:43 Uhr

Verhafteter 31-Jähriger lebte völlig unauffällig Schlimmer Verdacht: Zoher J., der nette Terrorist aus Adlkofen

Foto: UnterhauserFoto: Unterhauser

Seine Betreuerin beschreibt den in Adlkofen verhafteten Zoher J. als "netten Familienmenschen", der in der Asylunterkunft (Bild) beliebt war. Die Bundesanwaltschaft hat ein ganz anderes Bild von ihm.

LANDSHUT Am frühen Mittwochmorgen war es vorbei mit der ländlichen Idylle im verträumten Adlkofen. Dort, wo sonst nur geplante Baugebiete oder Kindertagesstätten für Gesprächsstoff sorgen, marschierte eine Spezialeinheit der Polizei, Beamte aus Baden-Württemberg und Bayern, auf.

Die Terror-Fahnder hatten es auf Zoher J. abgesehen. Der 31-Jährige ist neu im Dorf. Er ist ein Kriegsflüchtling aus Syrien. Eine Bombe hat ihm einen Teil der Wade weggerissen. „Wir haben deshalb Mitleid mit ihm gehabt. Er ist ein ganz normaler, netter Familienmensch“, sagt jetzt seine Betreuerin zum Wochenblatt. Jedenfalls war es das, was er zu sein vorgab und was Hannelore Richter zu wissen glaubte. Doch Zoher J. hat offenbar noch eine andere, ein gefährliche Seite.

Die Generalbundesanwaltschaft hat jedenfalls ein ganz anderes Bild von ihm: Zoher J. soll ein IS-Kommandeur gewesen sein. Er soll den Auftrag gehabt haben, Terrorzellen in Deutschland zu lenken, um Anschläge zu koordinieren und er soll in Griechenland nicht nur seine Frau besucht, sondern vor allem auch Mitglieder für Terrorzellen rekrutiert haben. „Wie sind wie vor den Kopf gestoßen“, sagt Hannelore Richter.

Die deutschen Strafverfolger sind sich sicher: Zoher J. ist eher ein dicker Fisch als ein kleines Licht. Mit seinem Kampfgefährten Abdulrahman A. A. sowie Abd Arahman A. K. soll er für die terroristische Vereinigung „Jabhat al-Nusra“ eine Kampfeinheit gegründet haben, die im Raum Aleppo aktiv war. Ab 2013 soll ein Teil der Einheit auch in den Regionen Tabka und Rakka aktiv gewesen sein. „In der Folge führte Zoher J. weiterhin das Kommando in der Region Aleppo, während er die Verantwortung für Operationen im Raum Tabka und Rakka auf den gesondert Verfolgten Abd Arahman A. K. übertrug“, so die Bundesanwaltschaft.

Um den Jahreswechsel 2013/2014 fielen weite Teile des Aktionsgebietes dieser Kampfeinheit unter die Kontrolle des IS. Laut den Ermittlungen der Behörden schloss sich der 31-Jährige daraufhin der Terrororganisation an und arbeitete fortan für dessen „Geheimdienst“. In dieser Funktion reiste er spätestens Ende August 2015 nach Deutschland. Von hier aus pendelte er nach Griechenland, um dort in Flüchtlingslagern Mitglieder für Terrorzellen in Europa zu rekrutieren. Außerdem sollte er die bereits in Europa agierenden Terrorzellen koordinieren, um noch nicht näher geplante Anschläge durchzuführen.

Bereits vor seiner Ausreise nach Deutschland hatte Zoher J. einem „Mitkämpfer“, Abdoulfatah A., unter anderem einen mit Sprengstoff präparierten Gürtel sowie eine Handfeuerwaffe übergeben, die dieser für ihn nach Aleppo transportieren sollte.

Hannelore Richter kann das alles gar nicht glauben. Sie kennt nur den anderen Zoher. Den Mann, der ein gläubiger Muslim ist und sich rührend um seine Familie kümmerte, der die Sprache lernte und ein Praktikum beginnen wollte. „Er hat vier Kinder und eine Frau in Griechenland“, sagt sie. Dass er dorthin nicht nur gefahren ist, um sie zu besuchen, das erscheint nicht nur ihr unfassbar. Auch Zoher J. Mitbewohner in der kleinen Flüchtlingsunterkunft in Adlkofen, gleich neben dem Nettomarkt, sind geschockt. „Unsere Jungs sind richtig platt“, sagt die Flüchtlingshelferin. „Sie können nicht glauben, dass sie von all dem nichts gemerkt haben.“

Sollten die Anschuldigungen der Bundesanwaltschaft stimmen, dann steht wohl fest: Zoher J. hat den Syrienkrieg, den Terror nach Niederbayern gebracht. Eine unheimliche Vorstellung, die nicht nur Hannelore Richter Angst macht. „Das schlimmste sind jetzt die Anfeindungen“, sagt sie. Autos würden vor der Asylunterkunft halten und die Insassen rausplärren, dass die Flüchtlinge verschwinden sollen. „Unsere Jungs müssen nach Auloh zum Fußballspielen“, sagt sie. In ihrer Heimatgemeinde will man sie nicht haben. Davon will sich Hannelore Richter aber nicht abschrecken lassen. Sie will weiter helfen. „Wegen eines faulen Apfels ist doch nicht gleich der ganze Korb schlecht“, sagt sie.


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