29.03.2016, 16:03 Uhr

Blutige Auseinandersetzung in Asylbewerber-Unterkunft vor Gericht Verbotener Blick Auslöser für syrisch-afghanischen Zoff?

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Über drei Stunden mühten sich beim Jugendschöffengericht des Amtsgerichts die Prozessbeteiligten ab, den Hergang einer blutigen Auseinandersetzung im Juli letzten Jahres zwischen einer syrischen und einer afghanischen Familie in der Asylbewerber-Unterkunft in der Niedermayerstraße zu klären. Vergeblich: Das wegen gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank sitzende syrische Trio konnte sich angesichts teilweise diametraler Schilderungen über einen Freispruch freuen.

LANDSHUT Laut der von Staatsanwältin Anna Holzer vertretenen Anklage war es bereits am 8. Juli zu einer ersten Auseinandersetzung gekommen, bei der ein 28-jähriger Syrer zusammen mit einem Unbekannten einem 48-jährigen afghanischen Familienoberhaupt mehrere Faustschläge versetzt haben soll.

Drei Tage später soll es dann bei einer „Abreibung” für den Sohn (20) der afghanischen Familie richtig zur Sache gegangen sein: Der 28-jährige Syrer und sein 20-jähriger Bruder sollen auf ihn eingetreten und eingeschlagen haben, wobei als Waffen auch ein Holzstiel, ein Fahrradschutzblech und ein eiserner Gerüstfuß zum Einsatz gekommen sein sollen. Als dann der 18-jähriger Bruder dem Opfer zu Hilfe kommen wollte, soll der von einem weiteren Syrer (19) gestoppt worden sein, der ihm den Arm auf den Rücken gedreht haben soll.

Erst ein größeres Polizeiaufgebot konnte die beiden Clans trennen. Der 20-jährige Afghane musste mit einer Gehirnerschütterung, einer Platzwunde am Hinterkopf und ein HWS-Syndrom im Klinikum behandelt werden, sein Landsmann klagte über eine Schulterluxation.

Im Rahmen der schwierigen Beweisaufnahme kristallisierte sich heraus, dass der „Urheber” der Auseinandersetzung der 48-jährige afghanische Familienvater - als Opfer eines Bombenangriffs schwer traumatisiert und in psychiatrischer Behandlung - gewesen sein soll. Er sei, so die afghanische Version, auf dem Weg zur Toilette am Zimmer der syrischen Familie, in dem sich u.a. der 28-Jährige mit seiner Ehefrau aufgehalten habe, vorbei gekommen und habe durch die geöffnete Tür einen „verbotenen Blick” auf die Frau geworfen.

Das habe dazu geführt, dass man ihn geschlagen und mit Fingern in die Augen „gestochen” habe. Sein Sohn habe deshalb im gemeinsam besuchten Integrationskurs den 20-jährigen Syrer zur Rede gestellt und schließlich sei es dann in der Unterkunft zur Auseinandersetzung gekommen.

Die beiden syrischen Brüder bestritten allerdings, dass die Aggressionen von ihnen ausgegangen seien. Der 48-Jährige, so die Version des älteren der angeklagten Brüder, sei am 8. Juli in sein Zimmer gekommen, wo er sich mit seiner Frau und seinem Bruder aufgehalten habe und sei aggressiv geworden. Man habe ihn aber „abschieben” können, geschlagen habe man ihn nicht. „Drei Tage später ist dann der Sohn mit einigen Leuten gekommen und die haben dann meinen Bruder angegriffen. Der hat mir eine WhatsApp-Nachricht geschickt und ich bin ihm zu Hilfe gekommen”, so der 28-Jährige.

Bei der folgenden Auseinandersetzung seien die Afghanen „bewaffnet” gewesen, der 48-Jährige habe mit einem Eisenteil und ein Fahrradblech zugeschlagen: „Damit hat er sogar auf den eigenen Sohn eingeschlagen.” Er selbst sei von einem anderen Afghanen mit einem Messer verletzt worden. Andere Bewohner hätten schließlich geschlichtet und dann sei auch schon die Polizei gekommen.

Der 20-jährige Afghane - laut Anklage das Opfer - hatte naturgemäß die Ereignisse anders in Erinnerung: Er sei an jenem 11. Juli mit seiner Familie beim Essen gesessen, als die Syrer ins Zimmer gestürmt seien, ihn herausgeholt und ihn dann mit dem Eisenteil auf den Kopf geschlagen hätten. Sein Vater habe noch Schläge mit dem Fahrradschutzblech abbekommen.

Auch für die Schnittverletzung, die sein afghanischer Kontrahent erlitten hatte, hatte er auf Nachfrage von Jugendrichter Stefan Kolb eine Erklärung: „Ich glaube, die hat er sich selbst zugefügt, ebenso Schläge mit dem Gürtel auf den Rücken, um den Verdacht auf mich zu lenken.” Sein Bruder (18) sprach sogar von vier syrischen Angreifern, einer von ihnen habe ihm den Arm umgedreht und „schwer verletzt”.

Staatsanwältin Holzer war mit einer von Jugendrichter Kolb vorgeschlagenen Verfahrenseinstellung nicht einverstanden. Sie sah, was die Vorfälle am 11. Juli anging, durch das Zusammenwirken des syrischen Trios den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung als erwiesen an und beantragte für den 28-Jährigen eine Geldstrafe von 600 Euro (120 Tagessätze à 5 Euro), für die beiden Heranwachsenden jeweils zwei Freizeitarreste.

Auf Freispruch plädierten dagegen die Verteidiger Dr. Ulrich Kaltenegger und Hubertus Werner. Dass das syrische Trio als „Rollkommando” unterwegs gewesen sei, sei durch die Beweisaufnahme nicht bestätigt worden, vielmehr könnten die Aggressionen durchaus auch von den vermeintlichen afghanischen Opfer ausgegangen sein, die ihren gemaßregelten Vater und damit die Familienehre verteidigen wollten.

Das Jugendschöffengericht verkündete dann auch durch die Bank Freisprüche. Zur Begründung führte Jugendrichter Kolb die diametralen Aussagen ins Feld. Das Hauptproblem sei aber auch der psychische Zustand des afghanischen Familienoberhaupts: Es sei nicht auszuschließen, dass er aufgrund seines Traumas die Situation als bedrohlich empfunden und deshalb „durchgedreht” habe. Letztlich lasse sich nicht mehr klären, welcher der aggressivere Clan gewesen sei. Beiden Familien gab er mit auf den Weg, „die Sache nun auf sich beruhen und lassen und einen weiten Bogen um den anderen Clan zu machen.” 


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