21.09.2015, 20:58 Uhr

Lage Wolbergs zu Flüchtlingslage: Regensburg ist im Notfall-Modus

Voller Saal bei der Info-Veranstaltung zum Thema Flüchtlinge Foto: ceVoller Saal bei der Info-Veranstaltung zum Thema Flüchtlinge Foto: ce

Wer hätte mit diesem riesigen Ansturm gerechnet? Der Saal im Thon-Dittmer-Palais musste wegen Überfüllung geschlossen werden, denn viel mehr Menschen wollten hören, was Oberbürgermeister Joachim Wolbergs den Bürgern zum Thema Flüchtlinge sagen wollte.

REGENSBURG „Dies ist keine Schmuse-Veranstaltung. Wir wollen den Bürgern Rede und Antwort stehen – ohne etwas zu schönen“, so Wolbergs. Damit machte er ernst.

Wer den Oberbürgermeister in den letzten Wochen beobachtet hat, der merkt, dass er auf Anschlag arbeitet. Er wirkt überarbeitet, doch der Mann ist blitzgescheit, er kompensiert die offenbare ständige Übernächtigung, indem er schneller denkt und spricht als andere. Das aber, was Wolbergs derzeit leistet – natürlich mit einer hervorragend aufgestellten Verwaltung im Hintergrund – könnte man damit vergleichen, was der letzte große SPD-Kanzler Helmut Schmidt als Innenminister von Hamburg mit der Bewältigung der Elbeflut leistete. Das Thema Flüchtlinge verändert Regensburg – und sie hat Glück, einen Überzeugungstäter wie Wolbergs an ihrer Spitze zu haben.

„Ich habe vor eineinhalb Jahren versucht, diese Stadtgesellschaft darauf vorzubereiten, dass das Thema Flüchtlinge ein Dauerthema wird“, sagte Wolbergs vor vollem Auditorium. Wenn andere es schafften, werden sich auch andere auftun, glaubte Wolbergs schon damals – „die Situation ist deutlich dramatischer wie bereits 1992, dem Jahr des Höhepunkts der letzten Flüchtlingsbewegung“, sagte Wolbergs. „Dieses Land wird das meistern. Aber wir sind nicht in der Lage, jedes Jahr eine Million oder mehr Menschen aufzunehmen“, das räumte Wolbergs zudem ein. Er sei kein „Sozialromantiker. Denn es muss klar sein, dass Menschen, die nicht unter das Asylrecht fallen, egal wie aussichtslos ihre wirtschaftliche Lage zuhause ist, dann hat er bei uns keine Perspektive. Das muss man ehrlich sagen“, so Wolbergs. Es sei nicht ausschließlich die Aufgabe unseres Landes, diesen Menschen eine Perspektive zu geben.

Kritik an der offenen Haltung der Stadt würde „zu 90 Prozent leider anonym vorgetragen“, so Wolbergs. „Das bedaure ich.“ Denn er wolle sich auch den Ängsten stellen, auch den Sorgen der Menschen. Die Stadt habe zwischenzeitlich eine Broschüre erstellt, „die keine Emotionen wecken soll, sondern nur fachliche Fragen beantworten soll.“

„Die Menschen fühlen sich in Regensburg sicher und gut aufgehoben. Dass man in dieser Stadt so eine Stimmung hat, ist nicht selbst verständlich.“ Doch Wolbergs bemerkte, dass die Stimmung auch in Deutschland fast schon gekippt wäre. Das tote Kind Aylan, gefunden an einem türkischen Strand, habe die Bevölkerung aber wieder überzeugt, „dass wir helfen müssen.“

Wolbergs verteidigte nochmals, dass eine seiner ersten Entscheidungen darin bestand, der bayerischen Sozialministerin das „Ja“ zu einer Erstaufnahmeeinrichtung in Regensburg auszurichten. „Dazu stehe ich noch heute. Denn wer, wenn nicht Städte wie Regensburg, sollten das denn leisten können?“

Beeindruckt zeigte sich Wolbergs von den Münchnern: „Das ist eine mächtige Stadt. Aber so einen Zustrom von Menschen zu bewältigen, das ist doch unglaublich.“ Man habe auch in Regensburg schnell reagiert, um zu helfen: Beispielsweise wurde die Turnhallen in der Albert-Schweitzer-Realschule zur Notunterkunft umfunktioniert. „Die Lage dort ist relativ entspannt“, konstatierte Wolbergs. Derzeit leben etwa 2.500 Flüchtlinge in Regensburg „und man merkt es nicht zwingend. Außer darin, dass dauernd darüber geredet wird.“

Besonders beeindruckt ist Wolbergs aber davon, dass ausgerechnet in der Aussigerstraße, „wo nicht gerade Menschen mit Oberbürgermeister-Gehalt leben“, wo heute 70 Flüchtlinge leben, „überhaupt keine Probleme auftreten. Da hat sich ein Helferkreis gegründet!“

Briefe, „in denen ich aufgefordert werde, mich darum zu kümmern, dass der Nachbar seinen Zwetschgenbaum nicht mehr in den eigenen Garten wachsen lässt, werden nicht mehr beantwortet“, verkündete Wolbergs – unter Applaus aus dem Publikum. Weil er nun nicht einfach Beamte einstellen kann, müssen nun Beamte aus anderen Ressorts helfen. „Wir stoßen personell an Grenzen“, räumte der OB ein. Gleichzeitig aber beteuerte er, dass „dann eben auch mal andere Arbeit liegen bleiben muss.“

Auch Bedenken wurden laut. Eine Wortmeldung eines Mannes beschäftigte sich damit, dass Menschen aus Syrien einen ganz anderen kulturellen Hintergrund hätten, "die von Religion geprägt ist. Dieser Hintergrund passt nicht zu uns. Ich habe selbst einige Jahre in dieser Gegend gelebt", so der Mann. Ein anderer warf ein, es gäbe eben auch Terroristen, die möglicherweise mit den Flüchtlingen kommen. "Wir können doch die Menschen schon gar nicht mehr richtig registrieren", so der Mann. Ein Dritter kam mit der These, Deutschland habe überhaupt keine Verfassung und überhaupt: Man lüge die Menschen hier an. Am Rande wurde auch eine klassische Verschwörungstheorie-Zeitschrift verteilt. Ein vierter Mann, offenbar selbst ein Einwanderer, schimpfte auf Deutschland, Frankreich, England und die Russen: "Ihr seid schuld daran, dass es so schlimm ist dort!" 

Doch all dies waren Minderheiten-Statements. Der Großteil der Menschen, die ins Thon-Dittmer-Palais kamen, waren sich einig, dass man helfen müsse. So gespalten, wie es lange schien, ist die Bevölkerung offenbar nicht. Bis auf Extreme sind sich die meisten Menschen, zumindest in Regensburg einig: Große Aufgabe. Aber zu bewältigen, wenn wir zusammen helfen.


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