19.11.2014, 13:56 Uhr

Politik CSU-Attacke auf Sponsor Tretzel bedroht den Jahn in seiner Existenz

Die CSU gefährdet den Jahn Foto: Grafik: SchlebrowskiDie CSU gefährdet den Jahn Foto: Grafik: Schlebrowski

Die CSU bettelte einst bei Volker Tretzel, den Jahn zu retten – jetzt gefährdet sie die Zukunft des Vereins. Mit einer Rechtsaufsichtsbeschwerde nährte sie den Verdacht, in Regensburg sei man korrupt. Ein Unsinn.

REGENSBURG Es ist wohl die größte politische Farce, die Regensburg in den letzten Jahren erlebt hat. Ausgerechnet die CSU wirft der Stadtregierung unkorrekte Vergaben städtischer Grundstücke vor, ja, bezichtigt gar einen Amtsleiter der Lüge. Was war geschehen?

Bei der Neuausschreibung des Nibelungenkasernen-Areals hatte sich das Bauteam Tretzel durchgesetzt. Drei Baugebiete, genannt W1, W2 und W4, wurden in einem Paket verplant. Zuvor hatte eine Stadtratsmehrheit beschlossen, dass nicht mehr derjenige, der am meisten Geld für die Grundstücke hinblättert, den Zuschlag bekommen soll – sondern der mit dem besten Konzept. 16 Bewerbungen gab es, 13 fielen in einer Vorsichtung heraus – drei blieben übrig. Erstmals bekam Tretzel bei einer städtischen Ausschreibung den Zuschlag. Doch als die CSU-Fraktion beschloss, gegen die Vergabe zu stimmen und dann auch das Verfahren bei der Regierung anschwärzte, geriet die Debatte schnell zum Debakel für die Domstadt!

Zwar wird der Zusammenhang in der Beschwerde nicht erwähnt, die CSU-Fraktionschef Hermann Vanino, ein Berufsrichter, bei der Regierung einreichte. Wohl aber war in der öffentlich aufkeimenden Debatte schnell der Zusammenhang zwischen Investor Volker Tretzel und dem Engagement beim Sportverein, der in schwierigem Fahrwasser ist, hergestellt.

Dabei förderten Recherchen des Wochenblatts folgende Fakten zutage: Seit 2005 engagiert sich Tretzel mit einer siebenstelligen Summe beim Jahn. Damals war Herbert Schlegl, Vaninos Vorgänger als CSU-Fraktionschef und Christian Schlegls Onkel, bei Tretzel vorstellig geworden. Immer wieder rettete Tretzel seither den Jahn vor der Pleite – zuletzt schoss er Geld ein, als der Oberbürgermeister noch Hans Schaidinger hieß. Einen Zusammenhang zwischen der Vergabe herzustellen, für die sogar die nicht eben Investoren-Freundlichen Linken votierten – absurd. Und: Der CSU zuzuschreiben, die ein fahles Licht auf die Ausschreibung und ihr Ergebnis warf. In diesem Zusammenhang wurde auch publik, dass der Jahn eine Kapitalerhöhung von vier Millionen Euro plante. Sollte Tretzel die zahlen und im Gegenzug das Baugebiet bekommen? Falsch: Tretzel sollte keinen Cent beisteuern. Vielmehr war der Plan, das neue Stadion und die damit steigende Attraktivität zu nutzen, um endlich auch andere Sponsoren zu bekommen. Tretzel hatte schon 2012 Briefe an dutzende Unternehmer geschickt mit der Bitte, dem Verein zu helfen (Ausriss unten) – ohne Erfolg. Der Jahn blieb von dem Bauunternehmer, der übrigens eher wie ein filigraner Feingeist wirkt als ein knallharter Investor, weiter abhängig. Fakt ist auch: Tretzel ist einer der größten Sport-Förderer in Regensburg. Auf seiner Spenden-Liste stehen auch die SG Post Süd, die Baseball-Legionäre, der Freie TUS, der TC Rot-Blau ja und sogar die Regensburger Turnerschaft, dessen Präsident ausgerechnet CSU-Chef Franz Rieger ist.

Doch wie steht es mit dem Vorwurf, Tretzel habe gar nicht das beste Angebot abgegeben? Ebenso: absurd!

Dem Wochenblatt liegen Details der abgegebenen Angebote vor – alle drei, von Tretzel, dem Immobilienzentrum und vom Amberger „Werkvolk“ sind gut. Doch Tretzels Angebot ist eine Sensation!

Tretzel zahlt 1,3 Millionen mehr als gefordert Punkt eins: Tretzel baut sowohl die Eigentums-, als auch die Sozialwohnungen identisch. Punkt zwei: Er baut nicht nur, wie von der Stadt gefordert, 160 Sozialwohnungen – er packt nochmals 160 Wohnungen drauf, die er für die sogenannte Förderung der Stufe 3 vorsieht – das bedeutet, Familien mit 2.000 Euro Netto-Einkommen könnten dort einziehen. Genau dieses Segment hat es auch in Regensburg angesichts steigender Mieten immer schwerer, eine Wohnung zu bekommen. Die Mieten deckelt er auf 8,30 Euro je Quadratmeter – gefordert hatte die Stadt für den frei finanzierten Bereich 8,85 Euro. Auch hier: Die selbe Bauweise wie für die Eigentumswohnungen. Und: Tretzel zahlt 1,3 Millionen Euro mehr als für das W4-Areal gefordert.

Eigentlicher Knackpunkt, den die CSU angegriffen hatte, war, dass für die Eigentumswohnungen 3.490 Euro je Quadratmeter von Tretzel verlangt werden sollen. Das Immobilienzentrum etwa hatte 3.300 Euro angeboten. Hätte man also hier das Paket aufmachen müssen, also Baugebiet W1 und W2 ans Immobilienzentrum vergeben müssen?

Auch hier hatte Tretzel die besseren Karten – nur: Die liegen im Detail verborgen! Tretzel hat eine unabhängige Energieversorgung mit eingeplant, die er bereits in Baugebieten im Stadtwesten verwirklicht hatte. Hier kann mit Pellets geheizt werden, die Stromversorgung wird so eigenständig vorgenommen – besonders die Grünen und die ÖDP, die mitgestimmt hatten für Tretzel, waren hellauf begeistert. Diese Energieversorgung wird mit 200 Euro auf den Verkaufspreis draufgeschlagen, sie ist in der Anschaffung teurer, amortisiert sich aber nach wenigen Jahren. Die Betriebskosten sinken monatlich von durchschnittlich 2,83 Euro auf 1,44 Euro! Fakt ist also: Der Preis von 3.490 Euro liegt de facto gleichauf mit den 3.300 der anderen Anbieter. Übrigens: Nur in einem Vorentwurf, der allen Fraktionschefs vorlag, stand fälschlich 3.400 Euro – ein Tippfehler, bestätigte der zuständige Amtsleiter mehrfach, zuletzt auch in einer Diensterklärung. Und: Der Stadtrat stimmte über die richtige Vorlage ab.

Sozialzentrum mit Betreuung geplant Die eigentliche Sensation des Angebots aber liegt in einem weiteren Detail, das bislang unbekannt war. Tretzel hat der Stadt ein Jugendhotel für Migrantenkinder angeboten. Es liegt in Bischofsgrün im Fichtelgebirge. Tretzel will es in eine Stiftung einbringen, es ist Millionen wert. Den Unterhalt müsste die Stadt leisten – Kinder, die später dort leben, sollen in den Ferien in dem Ferienheim deutsch lernen. Und mehr noch: Im Umfeld Tretzels heißt es, man habe sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie man sozial verträgliches Wohnen verwirklichen kann, in dem es keine Ghettos gibt, sondern ein soziales Miteinander. Deshalb entsteht im Zentrum der Bebauung auf der ehemaligen Nibelungenkaserne sogar noch ein Büro mit Sozialpädagogen und Betreuung. Da fragt man sich am Ende: Was genau hat die CSU an diesem Angebot nicht verstanden?

KOMMENTAR

Ohne Tadel? Dann muss Vanino gehen!

Die Doppelzüngigkeit ist bodenlos: Jahrelang hatte die CSU in Regensburg die Hosen an. Vergaben wurden zur Chefsache, eine Abnick-Fraktion sah zu, wie immer die selben Baugebiete zugeschoben bekamen. Und jetzt das: CSU-Fraktionschef Hermann Vanino schwingt sich mit seinen Stadträten im Rücken auf zum Rächer der Enterbten. Geht‘s noch?

Der Kollateralschaden, den die CSU mit ihrer Rechtsaufsichtsbeschwerde angerichtet hat, ist schwer gutzumachen. Allein der Verdacht, dass ein Jahn-Sponsor mit der Stadt geklüngelt haben könnte, ist existenzgefährdend für den Verein, der ohnehin am Abgrund steht. Jahrelang hatte sich CSU-Politiker Christian Schlegl mit dem Jahn geschmückt, er gab sich als volksnaher Politiker, dem der Fußball und die Fans wichtig sind. Er war offenbar eine der treibenden Kräfte dabei, diese Beschwerde bei der Regierung der Oberpfalz vorzulegen. Kurz zuvor zog er sich aus dem Aufsichtsrat des Vereins zurück. Aus Feigheit, weil er ahnte, dass er zur Rede gestellt werden könnte?

Für den Jahn ist auch nur der Verdacht, jeder, der ihm etwas zukommen lässt, wird künftig kritisch beäugt, ein fatales Signal. Der Verein steht ohnehin finanziell mit dem Rücken zur Wand. Wer könnte es Unternehmer Volker Tretzel nachsehen, wenn er keinen Cent mehr für den Jahn einsetzen würde?

Letztlich bleibt nur eine Konsequenz: Wenn die Regierung der Oberpfalz feststellt, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist bei der Vergabe, muss Vanino sofort seinen Hut als Fraktionschef nehmen. Alles andere wäre eine politische, ja, eine moralische Frechheit!


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